German poem
Die Jobsiade — Zweiunddreißigstes Kapitel
by Karl Arnold Kortum (1745–1824)
Hier werden die seltenen Verdienste eines Herren Dorfpfarrers beschrieben.
Es war ein Plaisir Sonntags anzuhören Seine vortrefflichen Predigten und Lehren; Auch seine übrigen Amtsgeschäfte all' Hatten höchstwohlverdienten Beifall.
Auch in allen übrigen Stücken wußt' er Zu geben allen seinen Amtsbrüdern ein Muster Der Tugend und der Rechtschaffenheit, Der Weisheit und der Gelehrsamkeit.
Er suchte auch in andern Nebensachen, Sich seiner Gemeinde hochnützlich zu machen, Und war als allgemeiner Geheimerath Ihnen ersprießlich mit Rath und That.
Waren etwa irgend Streitigkeiten, So suchte er gleich Frieden zu verbreiten, Schlichtete Processe bald, und so entriß Er den Advocaten manchen fetten Biß.
Auch in manchen ökonomischen Affairen Suchte er sie zu leiten und zu belehren, Und wer seinen Vorschlägen Gehör gab, Mit dem lief es immer erwünscht ab.
Die Kranken suchte er bestmöglichst allenthalben Abzuhalten von Pfuschern und Quacksalben, Gab oft selbst Hilfe durch Diät an, Oder wiese sie zu 'nem studirten Mann.
Noch in mehr andern Sachen und Dingen Wußte er ihnen aufgeklärte Begriffe beizubringen, Ueber Kalendersachen, Jahrswechsel, Witterung, Und was man lase in der Zeitung.
Vom Aberglauben und Alfanzereien Suchte er die Ohnwitzer besonders zu befreien, Und es währte daselbst keine volle zwei Jahr, Daß weder Hexe noch Gespenst mehr da war.
Saßen sie zur Erholung in der Schenke beim Biere, So verschaffte er ihnen daselbst nützliche Lectüre; Führte Faustens Katechismus ein Und Beckers Noth- und Hilfsbüchlein.
Auch Kortums Gesundheitsbüchlein für Bergleute, Theilte er aus in der Nähe und in der Weite; Weil in Ohnwitz und benachbartem Land Sich manches gefährliche Bergwerk befand.
Aber nicht nur um Alte, sondern auch nicht minder Um die ehmals verwahrlosete Jugend und Kinder Gab er sich unbeschreibliche Müh' Und bildete zur Tugend und Weisheit sie.
Unterdessen, in einem einzigen Stücke, Hatte er bei der Gemeine anfangs kein Glücke; Ich meine das neue Gesangbuch, Welches er einzuführen vorschlug.
Länger als andre Gemeinden hatten beim alten Gesangbuche die Ohnwitzer festgehalten; Denn sie sagten öffentlich, 's sei Das neue Gesangbuch voll Ketzerei;
Ihren Eltern und Großeltern wär' es gelungen, Daß sie sich selig aus'm alten Gesangbuch gesungen, Und darum hielten sie auch beim Spruche sich: Altes Gesangbuch, dir leb' ich, dir sterb' ich!
Diesen Starrsinn ihnen aus den Köpfen zu bringen Und sie einmal vernünftig zu lehren singen, War freilich Arbeit eines Herkules, Es gelang dem Herren Pfarrer Jobs indeß.
Denn er zeigte ihnen sonnenklar und deutlich, Aber doch geziemendlich und bescheidlich, Daß in dem alten Gesangbuch weit mehr Von Ketzerei anzutreffen wär'.
Ein gar frommer Arzt im benachbarten Lande, Der sich etwas auf derlei Sachen verstande, Half ihm darin getreulich und klug Und schrieb darüber ein kleines Buch.
(Denn die eigentlichen geistlichen Amtsbrüder In der Nähe kümmerten sich nicht um die Lieder, Sondern ihnen war es vielmehr lieb, Wenn's fein beim alten Gesange blieb.
Denn da brauchten sie nicht sich zu incommodiren, Das neue Gesangbuch durchzustudiren, Und sie stießen so auch beim gemeinen Mann Nicht wegen vermeinter Ketzerei an;
Weil man schon in einigen Gemeinden gesehen, Daß dadurch viele Unruhen geschehen Und man sich manches Geschenk entzog, Was sonst für den Pfarrer in die Küche flog.)
Da hat sich endlich die Gemeinde geresolviret Und zu Ohnwitz das neue Gesangbuch eingeführet, Und die ganze Sache nahm behend Ein vergnügtes und vernünftiges End'.