German poem
Schwänke und Ränke
by Ludwig Neuffer (1769–1839)
Die beyden Särge.
Eduard und Klärchen waren Ein so liebewarmes Paar, Als in grauer Vorwelt Jahren Kaum eins unter Hirten war. Ihrer Ehe Rosentage Schwanden, wie ein Göttertraum. Keine Sorge, keine Klage Fand in ihrem Herzen Raum. Aber ach, weil nie die Sonne Ein Vollkommnes Glück beschien, Mußt’ auch ihres Lebens Wonne Oft vor bösen Grillen flieh’n. Denn es schwanden alle Freuden, Tiefergreifend war ihr Gram, Wenn das Bild von Tod und Scheiden Vor die düstre Seele kam. Dieser Kummer mehrt sich täglich, Dieses Leid wird nie geschwächt. Ach, ihr Loos ist all’ zu kläglich, Und ihr Schmerz nur zu gerecht!
Doch wohlan, und denkt und sinnet, Statt zu zittern dem Verlust, Ob ein Mittel ihr gewinnet, Wie ihr stählt die schwache Brust! – Wohl euch, schon ists ausgefunden, Und wahrhaftig schlau erdacht; Spielend mit des Abschieds Wunden, Lindert ihr des Schmerzens Macht. Täglich ihren Sarg zu schauen, Ist ihr nüchterner Entschluß, Weil vielleicht des Todes Grauen So am schnellsten enden muß.
Man bestellt zwo Todtenbahren, Und die kommen ungesäumt. Drauf, sie würdig zu bewahren, Wird ein Stübchen eingeräumt. Dorthin wird von beyden täglich Eine Betfahrt angestellt; Durch Gewohnheit wird erträglich Jeder Anblick in der Welt. Ach, es war so gar erbaulich, Wenn im Stübchen, Tag für Tag, Bey den Särgen, fromm und traulich, Sich das Paar im Arme lag!
Doch, wie lang bleibt solcher Trauer Eines Menschen Herz geneigt? Mählig wird die Wehmuth lauer, Und der alte Kummer schweigt. Immer seltner, kälter immer, Kehrt man bey den Särgen ein; Endlich muß man gar das Zimmer Von der garst’gen Last befrei’n. Was nun machen mit dem Plunder? Fürchtet nur nicht für die Frau, Denn es wär’ ein blaues Wunder, Sorgte sie nicht schnell und schlau. Alles weiß sie wohl zu nützen, Drum so füllt sie einen Sarg Mit gedörrten – Aepfelschnitzen, Die sie häuslich dort verbarg.
Sorglos drauf in Ruh und Frieden Lebte gute Zeit das Paar, Bis dem Mann zuerst beschieden Das verwünschte Schicksal war. Und so riß denn diese Ehe Durch des Todes kalte Hand, Daß des Wittums bittres Wehe Nun die gute Frau empfand. Jetzo wird mit lautem Stöhnen Und mit Klage nicht gekargt. Unter einer Fluth von Thränen Wird der Leichnam eingesargt. Drauf mit glänzendem Gepränge Wird der Trauerzug bestellt, Und es tönen Grabgesänge Für der Wittwe baares Geld. Auch erbaute noch die Herzen, Was der fromme Pfarrherr sprach, Und die Wittwe rief mit Schmerzen Dem versenkten Sarge nach: „Wehe,“ rief sie, „muß ich scheiden, Ach, auf ewig nun von dir! Fahret wohl, ihr Lebensfreuden, Meine Sehnsucht wohnet hier!“ Immer trocknend ihre Thränen, Wankte sie vom Grab zurück. Nichts kann ihren Schmerz versöhnen, In dem Grabe blieb ihr Glück.
War der helle Tag ihr traurig, War’s die finstre Nacht noch mehr, Alles ist so öd’ und schaurig, Und ihr Bette Gattenleer. Aber kaum erwacht der Morgen Muß sie wieder Hausfrau seyn, Und es stellen sich die Sorgen Ihrer Wirthschaft wieder ein. Denn was hilft das ew’ge Klagen? Hat sie doch nicht nur ein Herz, Sondern fühlt auch einen Magen, Und den sättigt nicht der Schmerz. Drum, obgleich so großer Jammer Noch die Seel’ ihr niederbeugt, Dennoch in die Rumpelkammer Die betrübte Wittwe steigt, Wo, als von dem Ehrensitze Wich der bald verschmähte Sarg, Sie die dürren Aepfelschnitze, Wie ihr wisset, schlau verbarg. Deren will sie heute kochen. Ach, sie hat wohl nicht bedacht, Wie die Brust ihr werde pochen, Wenn sie an den Sarg sich macht, Wie ihr von Erinnerungen Bluten wird das weiche Herz, Wie, betäubt nur, nicht bezwungen, Neu erwachen wird ihr Schmerz! Weh ihr, als mit halbem Blicke Sie kaum flüchtig hingeschaut, Klagt, ergriffen vom Geschicke, Die Bestürzte lang und laut, Außer sich, mit Händeringen Jammert sie im Kämmerlein, Und die Nachbarinnen springen Sorgenvoll und schnell herein, Voller Mitleid mit dem Weibe, Meinend, die Betrübte nun Könnte sich an ihrem Leibe Etwas unheilvolles thun.
Kaum nun steh’n die guten Frauen Bey der Wittwe tief bewegt, Als schon an ihr Ohr voll Grauen Diese Jammerkunde schlägt: „Habt, o habt mit mir Erbarmen, Klagt und weinet all mit mir! Weh, mir armen Frau, mir armen! Tretet her und schauet hier! Die verdammten Schufte haben Ganz verstandlos, ohne Blick, Meine Schnitze mir begraben, Und der Mann blieb mir zurück.“ Das Eselein und der poetische Deutschthümler.
Ritt auf einem Eselein Jüngst ein Baur zur Stadt herein, Froh auf seinem Thier sich blähend, Keines Haders sich versehend. Ruhig schritt das fromme Thier Im Gedränge Durch die Menge, Gleich als wär’ es heimisch hier. Doch mit einmal steht es still, Will nicht mehr vom Platze weichen, Mags der Bauer auch mit Streichen Wohl zerbläu’n, so lang er will. Denn jemehr der Baur es steupet, Um so störr’ger wird das Thier, Bäumt sich ungeberdig schier, Schläget, daß der Boden stäubet, Mit den Hufen hinten aus, (’S war zu sehn ein rechter Graus,) Dreht in schnellen Kreisen sich, Schäumet wild und fürchterlich, Und erhebt zuletzt die Stimme, Welche laut und schauervoll Durch die lange Gasse scholl.
Aber jetzt im höchsten Grimme Nahm der Bauer seinen Knittel, Und zerschlug den grauen Kittel, Seinem störr’gen Unterthan, Trotz dem heulenden Yan, So gewaltig und so bitter, Daß der Stecken brach in Splitter.
Unbarmherz’ger Bauersmann, O, so öffne doch die Augen, Statt so gräulich drein zu paucken! Siehe die Figur doch an, Welche dir entgegen stehet, Und allein die Ursach ist, Daß erschreckt zu dieser Frist Fürbaß nicht dein Esel gehet; Hat er doch, Wahrlich, all sein Tage noch Solch ein Wesen nicht geschauet; Ist ein Wunder, daß ihm grauet?
Ein Poet ist’s, der da ging, Dem das Haar, gleich einem Thoren, Ungeschoren Um die dürren Schultern hing. Wie ein Bild aus alter Zeit, Ein gemahlter Bürgermeister, Für die Rathstub konterfeit; Oder wie der Poltergeister Einer aus dem Erebus Oft zur Nachtzeit spuken muß: Also stand er aufgeputzt, Daß der Bruder Graurock stutzt. Aber jetzt begann zu reden Diese seltsame Gestalt: „He, Gesell! nun ende bald. Oder willst du dich entblöden, Solch ein edles Thier zu tödten? Laß dir solchen Zorn vergahn; Sey so toll nicht und vermessen. Solltest du nicht Achtung han, Da auf solches Thieres Rücken Patriarchen einst gesessen, Heil’ge und Propheten auch, Die gekommen zu beglücken; Ja, nach seines Landes Brauch Zog auf einem Eselein Selbst der Christ in Salem ein. Darum wehe dir, du Bauer, Wenn du also grausam bleibst, Und dein Thier so schrecklich stäupst! Wehe, wenn kein heil’ger Schauer Dir durch alle Adern fährt, Da dich ein Legendendichter Warnend als ein Sittenrichter, Jetzt in Liebe noch belehrt. Wirst du mir nicht folgen eben, Werd’ ich meinen Fluch dir geben.“ –
Als der Bauer dieß vernommen, Stieg er flugs von seinem Thier, Und der Zorn verging ihm schier, Und er sagte, ganz beklommen: „Lieber Esel, ach, vergib Mir die Schläg’, dem Herrn zu lieb, Denn ich habe nie gemeint, Daß du hättest solchen Freund!“ – Der Kuß.
Oftmals kehrten in der Mühle Zahlreich junge Städter ein, Saßen an des Baches Buchen, Aßen von des Müllers Kuchen, Tranken von des Müllers Wein.
Aber nicht dem Müller galten Die Besuche ganz allein, Nicht den schattenreichen Buchen, Nicht dem leckern Butterkuchen, Nicht dem frischen Labewein;
Denn dem Müller war erwachsen Eine Tochter schlank und schön. Schöner als des Müllers Gretchen War kein Weibchen oder Mädchen Weit und breit umher zu sehn.
Doch das schöne Müllergretchen War zugleich auch fromm und fein; Ihr Gedanke war nicht flüchtig, Ihr Benehmen recht und züchtig, Ihre Seele keusch und rein.
Drum erhörte sie die Seufzer Der verliebten Gecken nicht, War im Umgang und im Reden Hold und freundlich gegen Jeden, Aber streng ob Ehr und Pflicht.
Das verdroß die jungen Lecker, Das erdrückte fast ihr Herz. Doch umsonst ist alles Klagen, Alles Rennen, alles Wagen, Ohne Lindrung bleibt ihr Schmerz.
Sieh, der zärtlichste von Allen, Der einst lang zu Gaste blieb, Stieß im Heimgeh’n auf ein Mädchen, Das zur Mühle von dem Städtchen Singend einen Esel trieb.
Und in schwindelnder Ekstase Lief er auf das Mädchen zu: „Halt, du mußt auf Mund und Wangen Einen Kuß von mir empfangen, Und den bringst an Gretchen du.“
Doch die Dirne, schalkhaft lächelnd, Ringt mit ihm, und spricht dieß Wort: „Herr, das ist nicht recht, Sie müssen Lieber meinen Vormann küssen, Der kommt eher an den Ort.“ Das große Loos.
Leander war ein Ehrenmann, Den mancher lustige Kumpan Mit fleißigen Besuchen ehrte, Dieweil er reich und gastfrei war, Und gern in froher Zecher Schaar Des Abends seine Flasche leerte. Den allerliebsten Zeitvertreib Fand Jeder in Leanders Hause, Und fühlte man sich froh beym Schmause, So wußte noch sein junges Weib Der Tafel Freude mehr zu würzen, Und durch den Reiz der Freundlichkeit Gleich einem Feentraum, die Zeit In Augenblicke zu verkürzen, Voll allgemeiner Fröhlichkeit. Es war bey solchen Lustgelagen Nicht für den Gaum nur und den Magen, Es war gesorgt auch für das Herz, Und, daß es gar an nichts gebreche, So trug Leander zu der Zeche Noch willig manchen Spaß und Scherz.
Nur Eines war ihm nicht zu Sinne, Wenn man mit ihm vom Lotto sprach; Denn, niemals glücklich im Gewinne, Hielt er das Wort für Schimpf und Schmach, Und hatte, weil er stets verloren, Das unheilvolle Spiel verschworen. Auch scheuten seine Gäste sich, Den guten Wirth damit zu schrauben.
Doch einst beym reichen Saft der Trauben, Als jede Scheu und Zucht entwich, Hub Einer von der Tafelrunde Empor den blinkenden Pokal, Und rief mit schalkhaft spitzem Munde: „Heil Allen, welche noch einmal Im Lotto ihren Stern versuchen!“ –
Kaum hört Leander dieses Wort, So fährt er auf mit Zorn und Fluchen: „Ha, Schurke, geh zur Hölle fort, Und narre bey den Unholdinnen. Ein Hahnrey ist und bleibt, wer jetzt Noch einen Heller wagt und setzt, Und nur ein Hahnrey kann gewinnen.“ –
Indeß nun mit dem Tafelfreund Leander zankt und tobt, erscheint Die fromme Hausfrau, um nach Pflichten Den unerhörten Streit zu schlichten Mit weisem Rath, und streicht dem Mann Die Wange sanft: „wer nie gewann, Dem will das Glück Ersatz oft geben, Wenn seine Gunst auch lang verzeucht. Wag’s noch einmal. Wer weiß, vielleicht Kannst du das große Loos erheben.“ Schiffsgespräch.
Mit seinem Maulthier trat ein Kapuziner In einer Fähre schmalen Raum, Und hielt das scheue Thier mit vieler Müh am Zaum. Nun war zugleich ein Unterdiener Der heiligen Gerechtigkeit, Ein Mann, als Spötter weit und breit Im Land umher bekannt, mit eingestiegen, Der, weil er nie die Zunge zu besiegen Im Stande war, auch jetzt dem Drang nicht widerstand:
„Ehrwürd’ger Herr,“ begann er, „eure Hand Ist recht geschickt dieß Aemtlein zu verwalten, Und im Respekt den Esel zu erhalten; Mir dünkt, Sie kennen längst sich schon. Doch wollen Sie Ihr Werk noch krönen, So müssen Sie Ihr Thier vom Schrecken auch entwöhnen, Und dieß vermag vielleicht des Zuspruchs milder Ton.“
„Freund,“ sagte jener drauf, „ich halt’ Ihr Wort in Ehren! Doch wenn Sie selbst in diesem Falle wären, Ein Seil um Ihren Hals gefügt, Den Füßen Eisen angeschmiegt, Und einen Kapuziner an der Seite – Ich wette meinen Esel, Herr, noch heute, Sie würden in des Schreckens Pein, Wie er, dem Zuspruch unzugänglich seyn.“
Der Witzbold wußte nichts dagegen einzuwenden, Und fühlte sich beschämt und überrascht. Am schnellsten wird sich mancher Angriff enden, Wenn man des Gegners Kopf mit solcher Lauge wascht. Kannst du der Lacher Schwarm auf deine Seite bringen, Dann wirst du leicht den Sieg erringen.
Die Einladung.
Zween Bürgermeister gingen brüderlich Vom Rathhaus, wo zur Steuer sie gesessen. Da sprach der Eine: „Freund, ich lade dich Auf diesen Mittag ein zum Essen. Bey einem Gänseleberlein Und einem Gläschen guten Wein Kann man die Arbeit schon vergessen.“ – Der andre sprach: „Das mag wohl seyn, Doch lüd’ ich dich heut selber ein, Könnt’ ich nur, welche Leckerbissen Mein Weib gekocht, zum voraus wissen, Darnach, mein Theurer, frag’ ich nie, Mir ists genug, daß ich am Tisch mich labe. Johann! weißt du nicht, was ich habe?“ Johann, der hinten ging, erwiedert ohne Müh’: „Herr, einen Kalbskopf haben Sie.“