German poem
Ritter Ochsenlende
by Ludwig Storch (1803–1881)
Von einem König in Engelland Vernehmt eine schöne Geschichte! Auf seiner prächtigen Tafel fand Er immer die besten Gerichte.
Sein liebster Freund auf der ganzen Welt Das war sein Küchenmeister, Er hat ihn höher in Ehren gestellt Als alle die größten Geister.
Rehbraten genoß er täglich schier, Doch Rindfleisch war ihm noch lieber, Am liebsten Lendenbraten vom Stier; Es ging ihm nichts darüber.
Der Küchenmeister einstens briet Das saftigste aller Stücken; Beim ersten Bissen der König gerieth In schnalzendes Hochentzücken.
In Wonnethränen glänzte sein Aug’ Auf’s Fleisch der trefflichen Lenden. Den Mund voll Wasser strich er den Bauch Sich mit höchsteigenen Händen.
Und öffnete dann den weisen Mund: „Ihr Ritter und Ihr Vasallen, Es hat auf dem weiten Erdenrund Mir wahrlich nichts besser gefallen,
Als solch ein köstliches Lendenstück In Euerm Kreis zu verspeisen; Drum ist es billig, für solches Glück Es zu ehren und hoch zu preisen.
Die edelste sei von aller Speis’ Vom Könige heute geadelt! Dem König gebeut’s, und der König weiß, Daß Keiner darum ihn tadelt.“
Der Herrscher erhebt sich und zieht sein Schwert Und redet mit Wohlbehagen. „Wir wollen, o Lendenbraten werth, Dich heute zum Ritter schlagen!
Der König will, daß von dieser Stund’ Du sollst „Herr Ritter“ heißen. Dich schlägt mein Schwert, ernennt mein Mund Zum Edelmann der Speisen.“
Und Alle sehn auf das Lendenstück Das Schwert den König strecken. Dann sinkt er froh in den Stuhl zurück Und läßt sich’s vortrefflich schmecken. –
So wurde das Ochsenlendenstück Zum Ritter gemacht und geschlagen. Es war ein erhabener Augenblick, Als dieses sich zugetragen. Und wo in England mit Geschick Die Beefsteaks immer gerathen, Heißt „Ritter Ochsenlendenstück“ Noch heut der herrliche Braten. –
Und seit dem weltgeschichtlichen Tag Spielt auch in anderen Staaten Bei manchem festlichen Ritterschlag Oft mit ein Rinderbraten.