German poem
Die Kaiserin von Trapezunt
by Ludwig Storch (1803–1881)
Von Ludwig Storch.
Wer wandelt in des Tages erstem Grau Durch’s Thor der Sultanstadt? – Der hohen Frau Wird feucht der Fuß vom Morgenthaue. Der Wind durchwühlt ihr härenes Gewand, Und eine Haue trägt sie in der Hand. Was will die Zarte mit der Haue?
Das ist kein Weib, das früh zu Acker geht! Das ist ein Weib voll ernster Majestät! Dort oben giebt’s kein Feld zu graben. Sie klimmt so still und düstern Angesichts Den Felsenpfad zur Statt des Hochgerichts, Umkreist von Hunden und von Raben.
Im Westen hoch der Berge kahler Kranz, Im Osten tief die Thürme von Byzanz Und der Propontis blauer Spiegel. Im Norden wälzt der enge Bosporus Durch’s Felsenthor des Pontus schwarzen Fluß Vorbei der Stadt der sieben Hügel.
Sie steht am Ziel. Hier starrt das Blutgerüst, Auf dem ein Kaiserhaus erloschen ist, Zwei hohe Männer und acht Knaben. Am Boden liegt der Leichen bleiche Zahl. Dazwischen Haupt und Haupt, ein kostbar Mahl Der gier’gen Hunde und der Raben. Das Griechenreich und das von Trapezunt, Die Mutter und das Kind, vereint im Bund, Zerschlug die Türkenfaust in Scherben. Das ungeheure Trauerspiel ist aus, Und der Erobrer ließ das Kaiserhaus Vom Beil des Henkers elend sterben.
Hier David, der zuletzt den Purpur trug, Den nach Johannes’ Tod mit List und Lug Dem Bruderssohne er entwendet; Alexios, sein Bruder, Beide feig, Verräther am Altar und Thron zugleich, Wie würdig haben sie geendet!
Und dort der Kaisersöhne reiche Zahl, Der, dem der Ohm des Vaters Krone stahl, und Davids eigner Söhne sieben, So liegen sie umarmt vom Todesschlaf. – Wie gestern sie der Schlag des Eisens traf, So sind sie unberührt gebliehen.
Denn Mohammed, der Mann der blut’gen That, Der dies Geschlecht mit stolzem Fuß zertrat, Verbot die Leichen zu begraben. Bei Todesstrafe, daß des Mitleids Hand Auf sie nicht wirft die fromme Schaufel Sand! Den Hunden sind sie und den Raben.
Wie hat der Tod sie friedlich doch vereint, Nur von der Nacht mit Thränenthau beweint, Auf hartem blutgetränkten Bette! Des Sultans Spruch, dem Alles stumm sich beugt, Hat jeden Menschenfuß von hier verscheucht. Nur Hund und Rabe sind zur Stätte. –
Wer wandelt in des Tages erstem Grau Am öden Felsenberg? – Der stillen Frau Wird feucht das Haupt vom Morgenthaue. Der Wind durchwühlt ihr härenes Gewand, Und eine Haue trägt sie in der Hand. Was will die Düstre mit der Haue?
Das ist kein Weib, das früh zu Acker geht! Das ist ein Weib voll hoher Majestät! Hier oben giebt’s kein Feld zu graben. Sie klimmt so schwer und trüben Angesichts, Den rauhen Pfad zur Statt des Hochgerichts, Umkreist von Hunden und von Raben.
Des Kaisers Ehgemahl von Trapezunt Ist dieses Weib. Wie herrlich thut es kund Ihr stolzes Auge ohne Thräne! Sie, die die blüh’nde Kinderschaar gebar, Die Treue hielt dem Throne, dem Altar, Sie ist’s, die Kaiserin Helene!
Sie tritt heran und wirft den trocknen Blick Auf’s Leichenfeld, auf ihr gemordet Glück, Auf ihre kalten stummen Knaben. Sie reihet Haupt an Haupt und Leib an Leib. Die Raben schrein; die Meute heult. Das Weib Verscheucht die Hunde und die Raben.
Die hohe Frau im fahlen Morgenlicht Nun mit der Hau’ die harte Scholle bricht Und hackt und wühlet Stund’ um Stunde. Kein Zucken ihres Munds verräth ihr Weh. Sie gräbt ein Grab, die neue Niobe, Und scheucht die Raben und die Hunde.
Die Sonne steigt und wirft den Strahlenbrand Ihr auf das Haupt. Sie schaufelt mit der Hand Die Erde aus der Gruft, die heiße. Die Meute schnappt und fetzt ihr das Gewand, Sie schützt die Leichen mit der treuen Hand Und nimmt nicht Trank und nimmt nicht Speise.
Da naht die Nacht, um die erhabne Frau Mit weichem Hauche und mit kühlem Thau Mild zu erquicken und zu laben. Sie schließt kein Aug’, nur kräft’ger ficht ihr Arm, Denn größer wird und toller schreit der Schwarm Der gier’gen Hunde und der Raben.
Sie schaufelt wieder, eh’ der Morgen graut, Sie hackt und gräbt bis daß der Abend thaut Und fertig sie das Grab gegraben. Dann legt die Leichen sie zur ew’gen Ruh Und schaufelt mit der müden Hand sie zu, Und kämpft mit Hunden und mit Raben.
Von seinen Schergen hat der Padischah Erkundet, was das Volk am Berge sah. Er schweigt und wagt nicht sie zu stören. Denn eine Mutter, eine Kaiserin Begräbt ihr Haus. Solch hohem Frauensinn Vermag selbst Mohammed nicht zu wehren.
Weich auf den Todten liegen Erd’ und Nacht. Helene hat die letzte Pflicht vollbracht. Was wär’s, das ihr zu thun noch bliebe? – Sie senkt das Haupt und haucht die Seele aus. – So starb in Schuld und Schmach ein Kaiserhaus, Verklärt vom Abendroth der Liebe.