Versos German Ludwig Storch Das Volksgericht

German poem

Das Volksgericht

by (1803–1881)

Listen in the reader

Auf der Zinne seines Schlosses Sitzt der König schwach und alt, Ihm zur Seite seines Sohnes Jugendkräftige Gestalt. Auf der leichtgebauten Brücke Seiner ausgestreckten Hand Sendet er die trüben Blicke In sein reich gesegnet Land.

Und er spricht: Ich habe lange Für des Landes Wohl geschafft, Doch es sinken meine Tage, Es versieget meine Kraft. All mein Wille, all mein Streben Weiht ich meines Volkes Heil, Doch dem Irrthum preisgegeben War gar oft mein menschlich Theil.

Immer nur mein Glück gefunden Hab’ ich in der Andern Glück, Hinter meinem Königswillen Blieb oft weit die That zurück. Nun am Ziel seh’ ich mit Bangen Wie Geringes ich vollbracht. Drum ein mächtiges Verlangen Ist mir in der Brust erwacht.

Dir bekannt ist jene Sitte, Heilig unserm Herrscherhaus: Löscht der Tod die Lebensfackel Eines seiner Könige aus, Wird in Kron’ und Purpurmantel Seine Leiche ausgestellt Seine Thaten, seinen Wandel Prüfe neben ihm die Welt.

Durch des Königreiches Gauen Zieht ein Herold hoch zu Roß, Ruft: Gestorben ist der König! Kommt herauf in’s Königsschloß. In der Königsburg die Hallen Füllen sich mit Menschen an, Denn das Thor ist Allen, Allen, Selbst dem Aermsten aufgethan. Fern doch sind die Würdenträger, Und die Höflinge sind fern, Nur das Volk – so will’s die Sitte – Steh’ um seinen todten Herrn. Jeder soll es hier verkünden, Dem er Leides zugefügt; Seine Mängel, seine Sünden Werden schonungslos gerügt.

Und versteckt in naher Kammer, Hör’ sein Erbe das Gericht, Höre auf das strenge Urtheil, Das der Mund des Volkes spricht. Was er irrend auf dem Throne Fehlte und im Frevelmuth, Komm’ dem Erben seiner Krone Und dem ärmsten Knecht zu gut. –

Selbst will ich mein Urtheil hören, Wie mein Volk es arglos spricht, Daß ich selbst mein Fehlen sühne, Eh’ der Tod mein Auge bricht. Drum noch heut von dir entsendet Ruf im Land der Herold aus: „Unser König hat geendet! Eilet in sein hohes Haus!“ –

Und der Sohn vollzieht gehorsam, Was begehrt der edle Greis. Dumpf erschallt die Trauerkunde Durch des Reiches weiten Kreis. Ungezählte Schaaren wallen Weinend zu dem Schloß hinauf, Und es füllen sich die Hallen Schnell und wie noch nie zu Hauf.

Auf dem Lager in der Halle, Mit dem Purpur zugedeckt, Auf dem Haupt die goldne Krone, Liegt der König ausgestreckt. Und der Katafalk umflossen Rauscht von düsterm Trauerflor. Mund und Auge sind geschlossen, Aber offen ist das Ohr.

Reiche, Arme, Kinder, Greise Nahen dem verehrten Leib: „Unser Vater ist gestorben! Weh uns!“ klagen Mann und Weib. Und das Alter und die Jugend Gießen Thränenbäche hin. Jeder rühmt des Königs Tugend, Jeder seinen edeln Sinn.

Immer neue Klagen stimmen Die verwaisten Kinder an. Alle preisen seine Güte, Allen hat er wohlgethan. Und die einzige Beschwerde, Die ertönt im weiten Saal, Daß er scheidend von der Erde Sie betrübt zum ersten Mal.

Weinend ziehen sie von dannen, Und das Schloß ist wieder leer. – Und der Sohn tritt selig lächelnd Zum geliebten Vater her. Doch die Lippen sind entröthet Und die Wangen starr und kalt. Ach! den Glücklichen getödtet Hat der Freude Allgewalt.

Ludw. Storch.