German poem
Graf Szapary der Pflüger
by Ludwig Storch (1803–1881)
Die Schmach.
Du schönes stolzes Ungarland, Mit Wein gesegnet, Wald und Saaten, Donaudurchfluthet und umspannt Vom weiten Halbkreis der Karpathen, Wie reich Du auch an Helden warst, Von Allen, die Du einst gebarst Und zu des Ruhmes Glanz erhoben, Strahlt Einer vor im reinsten Licht. Dem Kranz, den ihm der Dichter flicht, Hat still ein Stern sich eingewoben.
Ganz Ungarn stöhnt in Band und Haft Der übermüthigen Osmanen; Vergeudet ward des Landes Kraft, Zerbrochen hingen seine Fahnen. So schwer der Türken Säbel lag, Noch schwerer lastete die Schmach Der Knechtschaft auf den Magyaren. Da mußte manches edle Blut Mit hohem Sinn und Heldenmuth Ein schlimmes Sclavenjoch erfahren.
Graf Szapary, an Tugend groß, Des Feindes Uebermacht erlegen, Erduldet doch das schlimmste Loos. Er ziehet unter grimmen Schlägen Der Ackerfurche neuen Weg Am schweren Pflug des Hamsabeg Zusammen mit des Fürsten Pferde. Mit seinem Blute, seinem Schweiß, Doch nie mit einer Thräne heiß, Tränkt er die vaterländ’sche Erde.
Eh’ noch die Sonne ihre Bahn Am Morgenhimmel hat begonnen, Hat schon der tückische Osman Dem Ritter neuen Schimpf ersonnen. Mit Stier und Esel angeschirrt, Von scharfem Peitschenstrang umschwirrt, Verhöhnt, gestoßen und getreten, Vor Durst und Hunger krank, der Held Pflügt ohne Murren so das Feld Des argen Jüngers des Propheten.
Der Türke wähnt den hohen Mann Mit ausgesuchter Qual zu beugen, Was Bosheit Scheußliches ersann, Der Held erträgt’s mit stolzem Schweigen. Trifft ihn des Hamsa Hieb und Spott, So denkt er still: Mein Herr und Gott Warb auch verspottet und geschlagen Und zürnte seinen Quälern nicht Und hat mit heiterm Angesicht Die Dornenkrone still getragen. Die Rache.
Geschlagen ist das Türkenheer, Und Wien entsetzt vom tapfern Polen. Der Ungar greift zur scharfen Wehr, Der Türke wünscht beschwingte Sohlen. Und eh’s der Padischah gedacht, Ist in der blut’gen Waizner Schlacht Vom Kreuz der Halbmond überwunden. – Den Hamsabeg, zur Flucht gewandt, Hält eisern eine Ungarhand. Er wird gefangen und gebunden.
Batthianyi ist’s, der edle Graf, Der Waffenbruder war dem Pflüger Und in der Schlacht den Hamsa traf Und glücklich fing den türk’schen Tiger. Nun führt er ihn zu Szapary: „Mein edler Freund, den Buben sieh, Der Schmach Dir gab viel martervolle! Nun thu’ ihm, wie er Dir gethan! Spann ihn mit Deinen Stieren an Und laß ihn pflügen Deine Scholle!“
Doch Szapary zum Türken spricht: „Nicht also sei Dir zugemessen! Ich geh’ mit Dir nicht in’s Gericht. Was Du mir thatest, ist vergessen. Die Bande löset Dir mein Schwert. Frei bist Du! Nimm mein eignes Pferd Und reite heim zu Deinen Brüdern!“ – Der Beg steht lange wie versteint. „Das thust Du Deinem ärgsten Feind, Der Dich gekränkt an höchsten Gütern?“
Darauf der Christ: „Mein Meister sprach: „Ihr sollet Eure Feinde lieben! An denen, die mit Haß und Schmach Euch kränkten, sollt ihr Wohlthun üben!“ Und als der Juden Zorn und Wuth Sein Kreuz begoß mit seinem Blut, Da betet er zum höchsten Wesen: „Vergib, o Vater, ihnen mild! Ihr Sinn ist ja von Nacht umhüllt.“ Und sterbend segnet er die Bösen.“
„Zu spät, o Herr, kommt Dein Geschenk! Verloren gab ich meine Sache. Denn meiner Thaten eingedenk Erzittert’ ich vor Deiner Rache. Das Gift, in meinen Ring gefaßt, Nahm als Gefangner ich mit Hast. Schon greift der Tod mir nach dem Leben. Doch sterbend, Christ, erkenn’ ich dies: Der seine Feinde lieben hieß, Der hat der Welt das Heil gegeben.
„O nimm mich auf in seinen Bund Und laß als Christen fromm mich sterben! Du gabst mir Deine Liebe kund, Laß nun die seine mich erwerben!“ – Der Ungar, der sich tief verneigt, Das Kreuz am Schwerte dar ihm reicht Und gießt, geschöpft aus naher Quelle, Ihm auf das Haupt mit hehrem Wort, Dem Glauben an den ew’gen Hort, Der Christentaufe heil’ge Welle.
Der Sterbende umfaßt das Kreuz Und küßt’s mit brünstigem Verlangen. Des Todes Schatten hat bereits Sein Haupt mit kaltem Hauch umfangen. Doch hält er noch den Blick verklärt Dem Liebesspender zugekehrt Und streckt ihm froh die Hand entgegen. Und wie sie dieser weinend drückt, Da wird er selig heimentrückt. Das ist der Liebe Gottessegen.