German poem
Moses
by Marie Eugenie Delle Grazie (1864–1931)
(Von Michel Angelo.)
Noch flammt die Stirne dir von Sinai’s Wettern, Noch weht um dich Jehovah’s myst’scher Hauch – Da horch! metall’ner Becken gelles Schmettern – Da sieh! das gold’ne Kalb, den Opferrauch, Der schnöd gefall’nen Menschlein wüsten Reigen Um’s Thier – ach, um ihr ewiges Symbol! Zu ihnen wolltest du herniedersteigen, Begeistert weltentrückt – des Gottes voll? Für sie hast du die schlummerlosen Nächte Durchträumt? Für sie dein Antlitz bleich gehärmt? Für diese Brut rangst du des Himmels Mächte Hernieder? Für dies Aas hast du geschwärmt? Ihm wolltest du Prophet sein und Erretter, Ihm Weisheit bringen, die von Gott entstammt – Ihm? – hörst du nicht der Becken Hohngeschmetter, Den Schrei der Bestie, brünstig, wahnentflammt? Und seine Kiefer knirschen – in die Mähne Des Bartes wühlt sich die ergrimmte Hand, Die blutgeschwellte Ader wird zur Sehne Und Stein der Leib, den Wuth und Schmerz gebannt! Die mächt’ge Brust allein scheint auszuwogen, Und diese Brust, sie ringt nach einem Schrei – Ja, stoß ihn aus, Titan, den sie betrogen, Die Zwerge dort, auf daß er dich befrei’! Ein Sinai braus’ hernieder in Gewittern Und Gottes Tafeln – wirf sie unter sie! Denn würd’ger ist’s, ein göttlich Werk zersplittern, Als es beschmutzt, zertreten seh’n vom Vieh!