German poem
Hymnus zur Eröffnung des Canals von Suez
by Martin Greif (1839–1911)
Heil dem Meere, Heil dem gewaltigen! Denn es verbreitet Endlosen Segen Tief in die Länder, Wo in Gebirgen Oder auf Ebenen Thätig der Mensch wohnt.
Dankbar im Geiste Denkt er der Brüder, Denen die Woge Täglich ihr Brod giebt, Die nicht ermüden, Fern aus den Ländern Schätze zu holen, Deren für’s Leben Jeder begehrt. Kundig der Pfade, Steuern sie draußen, Selbst wenn die Sterne Schwinden im Nachtsturm. Jegliche Brandung, Jegliche Klippe Kennen sie ja, Und sie errathen, Wo sie zur Stunde Segeln im Weltmeer.
Selten nur einem Festlandbewohner Ist es beschieden, Daß sein staunendes Auge froh wird Deiner Betrachtung, Rollender Ocean, weitbusiger, Hochwogiger Wieger der Masten, Abgründiger, furchtbarer Herrscher! Doch wer dich einmal Glanzvoll erblickte, Rühmt dich für immer.
Heil dem Meere! Heil den Nationen, Die es befahren! Heil auch den Völkern, Die es ernährt!
Nordische Söhne Dringen zur Zone Glühender Sonne, Und mit gebräuntem Antlitze kehren Kühner sie wieder; Palmen erblickten sie, Sahen den Lotos erblühen Und die Banane Längs des altheiligen Indus, Der im Gesange daherrauscht, Brahma verkündend und Wischnu und Schiwa Und die geheime Kunde uralter Veden. Seltsame Städte, Drachen und Halbmond Ueber den Zinnen, Fürstliche Burgen Luftigen Baustils Schritten sie durch, Vielbestaunt von der gaffenden Menge, Denen die fremde Bildung Ausruf entlockte und Lächeln.
Ruh’loses Leben, Leben des Schiffers, Leben des segelnden Mannes im Boot!
Goldlast in Tonnen, Silber in Barren Führt er hinaus; Ganze zersprengte Adern der Heimath, Wie auch die Werke Regerer Hände Und der Maschinen Schaffenden Fleiß. Seiden und Purpur, Perlen und Elfenbein, Kostbaren Farbstoff, Würzige Pflanzen, Ambra und Myrrhen, Zucker und Südfrucht, Thee auch und Tabak Tauscht er dafür.
Doch der Weg ist lang und weit, Lang für die Ungeduld; Wasser und Himmel Dehnen sich endlos, Bis ihm nach Monden Winkt des ersehnten, Blühenden Welttheils Fremdes Gestade.
Aber der Schiffer, Draußen im Weltmeer Müßig die langen Tage verbringend, Schweift mit den Augen Ueber der Karten Seltsamen Umriß, Ueber der Länder Wundergestalt. Siehe den schmalen Landstrich dort! Länderverbindend Strebt er durch’s Meer hin, Von der geschiedenen, Wogenden Salzfluth umspült. Wollte sich öffnen Dort eine Pforte, Endlos nachstürzender Wogen Gähnendes Bette, Freudig hinüber Zöge der Kiel.
Und wohl! Der Menschheit Rastloser Genius Faßt den Gedanken; Mächtigen Willens Geht er an’s Werk.
Durch! Hacken und Schaufeln Wühlen und graben, Wagen an Wagen Häufen den Grund auf, Und es vertieft sich Sichtbar die Rinne; Wachsend erstreckt sich Langhin der Damm. Schleußen nur trennen, Wehrend dem Andrang, Meer noch und Meer.
Los! Und es rollet Meer zu Meer, Und es gehen königliche Wogen In das bereitete Bette, Und sie nahen einander. Die Jahrtausende durch getrennten, Und sie vermischen sich. Und es verbinden Kreuzende Schiffe Länder und Länder, Fernen und Fernen, Völker und Völker, Geister und Geister, Weithin das rege Menschengeschlecht.
Heil dem Meere! Heil seinen hochrollenden Wogen! Heil dem gewaltigen Länderumgürtenden, Allumfassenden Ocean!