German poem
Am Vorabend der Hochzeit
by Otto Ernst Schmidt (1862–1926)
1. Meiner Ältesten.
(Mel.: „Ihr treuen Geliebten“ aus „Figaros Hochzeit“.)
Es wuchs eine Myrte auf steinigem Grund; Bald schmiegt sie sich duftend zum krönenden Rund. Es wob sich ein Schleier aus Tränen und Licht; Bald rahmt er liebkosend ein selig Gesicht. So wandelt dahin denn erheiterten Blicks In Schleiern der Schönheit, auf Myrten des Glücks. Sei leicht wie der Schleier euch Sorgen und Mühn; Und Hoffnung erquick euch mit ewigem Grün.
2. Meiner Jüngsten.
(Die Schwestern sprechen.)
Wir bringen Kranz und Schleier; Ein treuer Mahner spricht Zu Ernst und Lust der Feier: Zerreißt den Schleier nicht!
Der Schleier ist der Schimmer, Der auf den Höhen liegt; Der Schleier ist der Flimmer, Der sich auf Ähren wiegt.
Er ist die milde Feuchte, Die Blumen übertaut; Auch ist er das Geleuchte, In dem der Himmel blaut.
Er ist der Hauch, der labend Von Meer und Strömen winkt, Und ist das Rot am Abend, In dem die Sonne sinkt.
Er ist auf Vogels Schwinge Das flüchtige Farbenspiel; Er ist der Duft der Dinge, Ist nichts—und ist so viel!
Nehmt Myrte denn und Schleier Ein treuer Mahner spricht Zu Eurer höchsten Feier: Zerreißt den Schleier nicht!