German poem
Andacht im Gebirge
by Otto Ernst Schmidt (1862–1926)
Im Tal vernahm ich's: „Zwischen Felsenmauern Wird dich die Macht des Ewigen durchschauern; Dein Ich zermalmen wird der tote Stein. Er wird zu dir mit Donnerworten sprechen; Dann wird dein Menschenstolz zusammenbrechen, Und wie ein Nichts wirst du dir selber sein.“
Und ich erhob den Stab mit frohem Wagen Dorthin, wo ich bis in die Wolken ragen Der Berge schneebekrönte Gipfel sah. Der Jugend raschen, kecken Mut zu kühlen, Schritt in des Felsendomes Chorgestühlen Ich fort und fort, dem Thron der Blitze nah.
Verloren bald im öden Meer der Steine, Verirrt, verlassen von des Tages Scheine, Stand ich allein in nebelweißer Nacht. Dann sank der Mond hinab zu früher Stunde, Und fern erhob wie mit metallnem Munde Der Herrn des Sturms den ersten Ruf zur Jagd.
Da fuhr's auf wucht'gen Schwingen durch die Lüfte Und überschrie den Klang der Felsenklüfte, Wo lauter Donner aus den Schlünden brach. Aus dunkler Tiefe klommen ohn' Ermatten Zu mir herauf des Abgrunds Riesenschatten, Bis sie ein jäh gezückter Blitz durchstach.
Und jetzt—des Felsentempels Säulen zittern! Durchrast ein ganzer Aufruhr von Gewittern Die Täler rings zum Auferstehungstag? Erdröhnend schob sich's an den Felsenwänden In Sturmeslauf hinab, um jäh zu enden Mit gellend wiederholtem Donnerschlag.
Die Bäume reckten sich mit tiefem Stöhnen; Ihr Angstruf klang aus dem Gewirr von Tönen Wie aufgescheuchter Vögel Klageschrein. Ein blauer Strahl aus weitem Flammenrachen— Und mir zu Füßen schlug mit lautem Krachen Ein Föhrenstamm zerborsten auf den Stein.
Da riß es sich in trotz'gem Überschwange Vom Munde mir: „Frohlockend deinem Klange Geb ich, Natur, mein klopfend Herz dahin: Euch übertönt des Herzens Schlag, ihr Stürme, Euch überragt, ihr grauen Felsentürme, Des Menschen hoher, lichtgeborner Sinn!
Vor euch nicht sink ich in den Staub danieder; Nein, eure Donner sind mir Freudenlieder, Das Herz mir füllend mit erhabner Lust. Mag nur der Sturm in euren Klüften hausen! Fliegt er vorüber mir mit Zornesbrausen, Werd' ich der stärkern Schwinge mir bewußt.
In Nichts sollt ich vor euch zusammenschrumpfen? Hier sollte sich das Schwert des Geistes stumpfen? Dies Schwert, fürwahr, zerspringt auf keinem Stein! An seinem Stahl zerbrechen eure Blitze, Mit ihm bewaffnet, dringt zum Himmelssitze Der Wahrheit einst der Mensch, der Kämpfer, ein.
Seid mir gegrüßt, erhabne Bergesriesen, Erhaben, weil ihr mir den Weg gewiesen Zu meines Menschentums Erhabenheit. Willkommner Schemel seid ihr meinen Füßen, Von eurem Rücken aus den Bau zu grüßen, Den unermeßlichen, der Ewigkeit.“—
Den Weg ins Tal fand ich am frühen Morgen; Die Berge hielt, den Himmel mir verborgen Ein Wolkenschleier. Aber klar und fern, An meines Geistes Himmel aufgegangen Mit überirdisch morgendlichem Prangen, Stand selig lockend des Gedankens Stern.