German poem
Aus einer Nacht
by Otto Ernst Schmidt (1862–1926)
Und wieder müd', zerschlagen Kam er am Abend heim, Und wieder schwoll im Herzen Ein alter, böser Keim:
Der Keim des Wahnsinns, den er In stummer Seele trug— Ob Wahnsinn noch mit Lachen Einst seine Welt zerschlug?
Denn der Gemeinen Frechheit War stärker als sein Mut, Und kälter war die Roheit Als—ach, sein heißes Blut.
Und schlauer war die Dummheit Als sein beschwingter Geist, Und stets an allem Ende Stand er allein—verwaist.
Er fiel aufs harte Lager, Und war ihm recht zu Sinn, Als flöss' aus tiefer Wunde Sein Leben ganz dahin.
„Laß rinnen und verrinnen! Ich stille nicht das Blut. Kein Hoffen, kein Verzweifeln: So ist mir's wohl und gut.“
Doch wieder aus dem Dunkel Brach Hoffnung licht hervor— Doch wieder aus der Tiefe Verzweiflung fuhr empor—
Er krampfte wild die Hände: Es möchte stille sein! Und weckte selbst sich immer Zu neuer, neuer Pein.
Sein Knäblein schlief daneben, Das hat sich laut geregt Und hat im Traum das Händchen Ihm auf die Stirn gelegt.
Das war ein Gruß vom Leben! Was klang so sanft und hell? Natur wollt ihn erquicken Aus einem jungen Quell.
Auf seine Augen drückt' er Das Händchen leis und weich, Da quollen schwere Tränen Und quollen warm und reich.
Und sah die feinen Finger Mit mild bewegtem Sinn— Und sprach auf dieses Händchen Sein Leid still vor sich hin.
Und als das Licht der Kerze Verschmachtet ging zur Ruh, Sah er dem letzten Scheine Mit stiller Hoffnung zu.