German poem
Das Dogma
by Otto Ernst Schmidt (1862–1926)
„Wenn aller Welten Ende nun erscheint, Dann wird ein Hirt und eine Herde werden, Und Millionen Augen werden selig Sich baden in dem einen Strom des Lichtes, Der von dem Throne des Allweisen rinnt. Dann wird kein Streiten sein und kein Entzweien; Sie glauben all an einen Gott und folgen Dem guten Hirten auf die ewige Weide.“— Also verheißen wird's von Priestermund.
Wer aber will die Weitverstreuten sammeln, Die hier in Wüsten wandeln, dort auf Meeren In schwankem Fahrzeug treiben—hier auf Bergen Fernblickend schreiten, dort in tiefen Tälern Nichtsahnend schlummern in des Stumpfsinns Träumen, Und zwischen ihnen Felsen, Wüsten, Meere!? Ha, wie ihr selbstbewußt die Lippen aufwerft Zu salbungsvoller Straf- und Donnerrede, Ihr Weihrauch-, doch nicht Himmelshauchumwehten, Die ihr statt Gottes nur das Dogma kennt! Euch dünkt, gelingen müss' es, alle Wesen Zum ewigen Lobe Gottes zu vereinen, Wenn in des Dogmenzwanges enge Hürde Die Willigen und Trotzigen, die Toren Und die Vernünft'gen ihr zusammenpfercht! Und wenn ihr frisch die Geißel schwingt, vermeint Ihr gar, der Liebe Hirtendienst zu tun! Ihr kennt der Menschheit Pilgerstraße nicht. Den ihr gefunden und uns aufgedrungen, Der ist nicht Gott; doch den wir rastlos suchen Mit ewig nie ermattendem Verlangen Und den wir jubelnd ahnen: der ist Gott!
Kennt ihr die Schranke, die den Nachbarn scheidet Vom Nachbarn, ob auch ihre Hütten traulich Im gleichen Tal am gleichen Abhang lehnen? Kennt ihr die Schranke zwischen Ich und Ich, Die selbst nicht sinkt, wenn Mann und Weib ihr Lieben In süß erschauernder Umarmung tauschen?
Ein dichtumwachsnes, engummauertes Geheimnis ist die scheue Menschenseele. Selbst nicht der Liebe Wort vermag die Fülle Des Herzens bis zum Grunde auszuschöpfen, Und nie vermählt ein Ich sich ganz dem andern. Nein, es bewahrt in frommer Keuschheit sich Für jene einzige Braut, die kommen wird, Daß wir sie ganz besitzen, wie sie uns. Einsam harrt jede Menschenbrust der Wahrheit.—
Einsam? Und ewig abgeschlossen läge Der Garten einer Menschenseele da, Nur sich erblühend und dem fernen Himmel? O nein! Prangt auch die Rose dunkelglühend Auf diesem Grund, auf jenem schimmernd weiß; Singt auch die Nachtigall in bangen Seufzern Aus diesem Strauch und schmetternd hell aus jenem, Hoch in die Luft erhebt sich Duft und Sang, Und über Hecken, über Mauern fließen In eins zusammen Klang und Blumendüfte.
Kein Menschengeist umschließt die Wahrheit ganz; Doch flammt ein Teil von jenem Lichte, das Die Welt durchrinnt, in jedem Erdendasein. Ja, selbst des Tieres Dämmerleben bebt In froher Ahnung auf zum Sonnenlicht. Und lebte wo ein Wesen, das die Gottheit Einsam im ewig Dunkeln ließe tasten, Das nimmer Teil gewänne an der Wahrheit, So wär die Wahrheit aller Lügen größte Und unerhörteste und grausenvollste. Die Wahrheit ist—und ist darum in allen.
Aus allen Kehlen wird mit siegender Begeisterung der Ruf erschallen: „Land“, Wenn einst an einem großen „Allerseelen“ Wir ans Gestade der Erlösung stoßen. Dann wird des Jünglings trotzig kühnes Wort Sich mit des Greises mild bedachter Rede, Der kaum erwachten Kindesseele Stammeln Sich mit dem Hauch aus Gräbern des Vergangnen, Der Glanz im Tau, im schimmernden Gestein Sich mit dem Licht im Blick des Adlers einen, Und jeder Strom des Daseins wird erbrausen Im endlichen Triumphgesang der Wahrheit.