German poem
Das eine Ziel
by Otto Ernst Schmidt (1862–1926)
Ich war ein Kind und bat die Schickung: „O mach' mich groß und stark und frei! Zerreiß, die mir die Seele schnüren, Der Kindheit Bande reiß entzwei!“
Ich war ein Jüngling und ich flehte: „O Schicksal, schmiede mich zum Mann, Daß ich das Glück mit stärkrem Arme Ergreifen und umschlingen kann!“
Ich war ein Mann und bat in Schmerzen: „O gib der Weisheit Ruhe mir! Laß mild des Abends Sonne scheinen Und schweigen meiner Wünsche Gier!“
Da stand der Tod an meiner Pforte. „Wer“, rief ich bleich, „wer rief denn dich?“ Er sprach: „Du rufst seit langen Tagen, Seit Kindheitstagen rufst du mich.“