German poem
Lied eines Armen
by Otto Ernst Schmidt (1862–1926)
(Aus dem Volksstück „Hochparterre und Keller“.)
„Der wahre Bettler ist doch einzig und allein der wahre König.“
Lessing.
Mich drückt das Gold nicht auf der Stirn; Mich drückt's nicht in der Tasche; Ich fürchte nicht, daß je der Neid Nach meinen Freuden hasche; Kein Schmeichler schleicht an mich heran, Und keinem Pöbel frön' ich. Der wahre Bettler ist allein Der wahre König.
Mit meinem Liebchen thron' ich oft Auf waldbekränztem Hügel; Dann tragen Kleider wir von Licht Und haben goldne Flügel. Mit Blumen dann zur Königin Das holde Mädchen krön' ich; Der wahre Bettler wird alsdann Ein wahrer König.
Einst flattert auf mein stilles Grab, So denk ich, eine Meise; Hat auch nur, was der Tag beschert, Ein Kleid und ihre Weise. Den toten Bettler kennt sie wohl Und zwitschert silbertönig: „Hier ruht ein seltner Mann; hier ruht Ein wahrer König.“