German poem
Liebesschauer
by Otto Ernst Schmidt (1862–1926)
Von wirbelnder Wonne Zu düsterem Grausen Schwankt die genießende, Bangende Liebe.
Du liegst mir im Arme Mit glühenden Wangen, Geschlossenen Auges, Die schwellenden Lippen Wie träumend erschlossen Vor lechzender Sehnsucht Nach brennenden Küssen. Und immer, immer Mit neuen Flammen Durchjagt's mir die Seele, Und immer, immer Die zitternden Lippen Von neuem press' ich Auf Mund dir und Wangen, Als müßt' ich dir rauben Den süßen Atem, Als müßt' ich ersticken Dein warmes Leben, Als müßt' ich dich küssen Unersättlich, Bis tot an die Schulter Dein Haupt mir sänke, Vor Glück entseelt.—
Tot ... entseelt ... Und wenn er erschiene Am andern Tage, Der bleiche Allmächt'ge, Der tags und nächtens Die Erde durchschreitet Und aus den atmenden, Blühenden Leibern Unstillbaren Durstes Das Leben saugt— Und er nähme mir dich! Und würfe zum Staub Deinen blühenden Leib!—— Dann käme ein andrer Als du mir ins Zimmer, Mit kalten, feuchten, Knöchernen Fingern Die Hand mir reichend Zu ewiger Freundschaft, Ein seltsamer Fremdling! Zur Seite mir wär' er Bei Nacht und am Tage, Bald irre Klagen Ins Ohr mir raunend Vom Glück der Liebe— Bald gellend und lachend Ins Ohr mir schreiend Verrückte Geschichten Vom Glück der Liebe!— Das wäre der Wahnsinn. Vorahnend schaut ihn, Entrückt, meine Seele, Und schon in der Ahnung Packt er mein Innres, Als wollt' er mir Nerven Und Adern zerreißen——
Du aber fürchte Dich nicht, Geliebte, Weil wild meine Augen Starren ins Leere; Schon sink ich dir wieder Ans pochende Herz.
Von wirbelnder Wonne Zu düsterem Grausen Schwankt die genießende, Bangende Liebe!—