Versos German Paul Heyse Das Spinnet

German poem

Das Spinnet

by (1830–1914)

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An dem Tandelmarkt vorbei Ging ich heute, da es nachtet, Hab’ ein buntes Allerlei In den Buden dort betrachtet.

Ausgediente Flitterpracht, Strandgut aus zerschelltem Glücke, Waffen, die einst Tod gebracht, Neben Karst und Bettlerkrücke.

Dieser Spiegel, heut so blind, Weiß von festlich hellen Nächten: Jener half dem Bauernkind Seine blonden Zöpfe flechten.

Dort der Sessel, reich geschnitzt, Weich mit Sammet ausgeschlagen, Denkt er noch, wie er geblitzt, Als er Fürstinnen getragen?

Muß er jetzt die Nachbarschaft Jenes nackten Schemels leiden, Drauf mit saurem Fleiß geschafft Ehrsam Handwerk, treubescheiden?

Wie sich in des Friedhofs Reich Nah gesellen Hoch und Nieder, Macht die Zeit hier Alles gleich, Giebt den Staub dem Staube wieder.

Aber dort das Mütterlein, Dem erblichen längst die Locke, Warum weint’s in sich hinein, Still gebückt an seinem Stocke?

Was betrachtet’s unverwandt Jenen alten Klimperkasten, Dem wohl lang schon keine Hand Rührte die vergilbten Tasten?

Und sie feilscht und schließt den Kauf, Und den staub’gen Ladenhüter Lädt ein Wagen sorglich auf, Wie das köstlichste der Güter.

Mit der Alten hinterdrein Schlendr’ ich jetzt und frag’ im Gehen: „Warum habt Ihr, Mütterlein, Euch dies Alterthum ersehen?

Habt Ihr wohl ein Enkelkind, Das da spielen lernt und singen? Diese Saiten, fürcht’ ich, sind Schon zu morsch, um rein zu klingen.“

Und die Alte blickt mich an Prüfend unter welken Lidern, (Noch ein Tropfen hing daran) Und dann hört’ ich sie erwidern:

„Lieber Herr, ich merk’ es klar, Daß Ihr mich für närrisch haltet. Aber denkt, wie wunderbar Hier des Himmels Fügung waltet,

Daß er mich noch finden ließ Diesen Freund vor meinem Tode! Ach, da ich ein Kind noch hieß, War er blank und in der Mode;

Stand in meiner Eltern Haus Wohlgepflegt im besten Zimmer, Und zu Tanz und frohem Schmaus Klangen seine Saiten immer.

Doch am schönsten, wenn mein Franz Sanft begleitete mein Singen, Ach, bis eines Tages ganz Lust und Lieder uns vergingen!

Denn die Eltern zürnten sehr, Daß den Armen ich erwählte; Doch sie trennten uns nicht mehr, Die ein treuer Muth beseelte.

Und ich gab ihm meinen Schwur, Folgt ihm in das dürft’ge Leben, Bat, statt aller Mitgift, nur Das Spinett mir mitzugeben.

Welche Freuden sah ich blüh’n Unterm Dach an Seiner Seite, Wenn nach Tages Last und Müh’n Uns ein Lied den Abend weihte.

Oder wenn am Feiertag, Seiner Lehrerpflicht entbunden, Er, wie er am liebsten pflag, Spielte, was er selbst erfunden.

Dann mein Jüngstes an der Brust Saß ich hinter meinem Trauten, Da die Größern schon mit Lust Horchend auf den Vater schauten.

Doch die Sorgen wuchsen auf Mit den Kindern um die Wette; Ach, nach kurzer Jahre Lauf Lag er auf dem Sterbebette.

Nie vergeß’ ich jene Nacht. Wo er bat – ich hatte wieder Angstvoll neben ihm gewacht –: ‚Singe mir die alten Lieder!‘

Und ich spielt’ ihm jenes Lied – Singen konnt’ ich’s nicht vor Thränen – Jenes, das zuerst verrieth Unser langverschwieg’nes Sehnen.

Bebend hört’ ich, wie auch er Vor sich hin die Worte summte, Und dann ward das Haupt ihm schwer, Und sein blasser Mund verstummte.

Stumm an seinem alten Platz Stand der treue Leidgefährte, Bis auch diesem letzten Schatz Mich die Noth entsagen lehrte.

Seitdem über meinem Haupt Sah ich manches Jahr sich wenden, Und ich hätte nie geglaubt, Daß wir Zwei uns wiederfänden.

Aber da von aller Noth Meine Kinder fern mich halten, Soll auch er das Gnadenbrod Finden bei der treuen Alten.

Rückt mein Stündlein sacht heran – Ach, es braucht nur noch ein Kleines! – In den Schlummer spielt mich dann Meiner Enkelkinder eines.

Wenn ich dann des Liebsten Lied Von den alten Saiten höre, Mein’ ich, daß mich’s zu ihm zieht In die hohen Engelschöre“ –

Sprach’s, und ihre Stimme brach, Und ich sah sie weiter wanken, Stand und blickt’ ihr lange nach, Still verloren in Gedanken.

Und mir war’s, als ob ein Klang Durch die rost’gen Saiten ginge; Leise mahnend, froh und bang’, An den ew’gen Fluß der Dinge.