German poem
An die unbekannte Geliebte
by Paul Kraft (1896–1922)
Immer bin ich dir nah, Geliebte, ob ich des Abends Müde mich in gütige Decken wickle Oder am Morgen von hüllendem Bett aufstehe, Ob ich, noch halb verschlafen, am Kaffeetisch sitze,
Zitternd vor böser Schule marternder Dumpfheit, Ob ich auf Straßen gehe, wo Menschen schwirren, Grinsende Worte mich ekeln, gute mir schmeicheln, Oder ob ich vor grausamer Arbeit verzweifle:
Immer schwebst du vor mir, besternt und bestrahlt, Himmel am Abend, goldener Widerschein Purpurner Sonnen im Meere, leichtes Gewölk, Duft und Zerfließen, schattiger Wald im Glühen
Drückender Wärmen, unendliche Melodie, Aufsteigend, schmetternd, rasend und dann vergehend, Schmeichelnd, peitschend, Seelenatem zerreißend, Lächelnde Blumen auf brennendes Denken streuend.
Deine Seele, die in verborgene Tiefen Nur ihr Letztes ausstrahlt, und die ich nicht kenne, Die sich mir nie enthüllte, liegt dann ganz oben, Ausgebreitet dem suchenden Blick. Und die Reinheit
Glanzvoller Tage blendet mich, daß ich erbebe Und Verzückung einatme und seliges Rauschen Aller strahlenden Flüsse und schimmernden Meere In mir erklingt und Triumph und funkelnde Glorie
Wie Raketen zu brennenden Höhen steigen Und die Schwärze zerfliegt und himmlische Fahnen Wehen, Fanfaren donnern und singende Engel Leuchtend vom Himmel zur Erde herniedertanzen.