German poem
Die Entschwundene. II
by Paul Kraft (1896–1922)
Ich denke manchmal, daß das keiner kennt: Dies rasende Geglüh aus tausend Türen, Und daß dies so gering ist, was uns trennt, Und zu gering für mich, dich zu verlieren.
Ich denke manchmal, daß dies nie gefühlt: Wie mich dies Zittern hoch und höher hebt, Und dieses Dumpfe, das mich niederwühlt, Mich plötzlich trägt und sanft mit mir entschwebt.
Wie ein Gesicht dies alles in mich wirft, Kein Wort, kein Kuß, keine Vereinigung, Nicht Nähe, die geheime Wollust schlürft Und sich entfacht zu ungeheurem Schwung.
Nicht, daß ihr Kleid mich leise je gestreift, Ich ihre Haut je im Gedräng' gespürt Und ihre Hand, die in die Sterne greift, Jemals die meine hat berührt:
Ein Lächeln nur, ein Blick, auf mich gerichtet, (War er auf dich gerichtet? Träumst du nicht?) Ein Auge, aus dem süßen Stoff gedichtet, Der aus dem Auge meines Gottes bricht,
Beisammensein im gleichen hellen Raume, Wo du mit deinem Blick sie überfielst, Ein süßes, liebes Trostes-Wort im Traume, Das du noch immer in dir brennen fühlst:
Das war Erleben, das noch nie erlebt, Und war ein Beben, das noch nie gebebt Und war ein Höher-zittern, Höher-schwellen Und war ein Taumeln über goldene Wellen
Und war ein Überfließen und Sich-sehnen Und war ein Stützen und ein Höher-wehn Und war ein Abend-Glück in Lust und Tränen Und war ein Morgen-Gang in Laub und Seen
Und ist dies heut in mir wie nie zuvor Und reißt mich, schwingt mich wie noch nie empor Und fährt noch einmal mit mir durch die Lüste, Mit denen damals mich mein Dämon küßte.
Was heißt Verlieren? Gibt es ein Verlieren? Entschwinden? Denn wo gibt es ein Entschwinden, Da ja der Brand, den deine Genien schüren, Sich dir wohl steigern kann, doch nicht entwinden?
Was heißt Entferntsein? Gibt es ein Entferntsein? Ist sie denn nicht unendlich in der Nähe, Damit sie dich wie Purpur überwehe Und deiner Himmel nächtliches Besterntsein?
Ein Ruck, und die Gedanken sind beisammen, In die du ihre Blondheit hast geballt Und wie noch nie in solchen süßen Flammen Erstrahlt dir ihre adlige Gestalt,
Ist da und überschwemmt dich mit Gezitter Und wirft dich tiefer in das Meer der Lust. Der Gott erklirrt aus Wolke und Gewitter, Die Luft vergoldet sich, einstürzt das Gitter Und über das Gestürzte:—Fleisch und Flitter— Strömt die erfüllte Sehnsucht in die Brust.
Ein Sonnenaufgang färbt das Firmament, Da ist ihr Stuhl, und da geht sie entlang, Wiegend, tanzend, in leicht' und goldenem Gang, Betaut von Licht und rosenem Gesang, Und sacht in dir den glühenden Überschwang, Der selig donnert, daß dies keiner kennt.