German poem
Vor der Wohnung der Geliebten
by Paul Kraft (1896–1922)
Ich kam in die Straße voll dumpfen und engen Geruches, Mit niederen Häusern und schmalem und dunklem Fußweg Wo an der Ecke das Haus steht, in dem die Geliebte Wohnt.—Und es erhebt sich nicht über die Nachbarn
Und stürmt nicht in Wonne über die andern hinaus? O unbegreifliches Wunder! O trostloses Schicksal! O Unsinn des Lebens! Und wächst nicht in Glorie und Süße Aufgereckten Bewußtseins und brennenden Stolzes Zum Himmel und rührt nicht die Sterne mit seinem Dach?
Und ich sehe die Mauern, die grau sind vom Schmutze der Zeiten Und weiß (o zerreißende Schauer!), daß sie umschließen Den lachenden Fluß deines Leibes und die erhabene Musik deiner Seele und das beschwingte Gold deiner Stimme.
Sonne umstrahlt mich und unsagbare Seligkeit, Wonnestürme umrauschen mich und ich sinke Auf die Schwelle und küsse die Steine und fühle Das Holz der Treppe, das deine Füße berührten.
Und greife die Klinke der Türe, die deine Hände Umklammerten und fühle, wie die Gerüche Deines gebadeten Leibes und deines durchglänzten Haares Über mich fließen und meine Gefühle besternen.
Geliebte! Gefäß aller Gnade! Antrieb zum glühendsten Denken! Wandelnde Anmut! Gewährerin! Schenkendes Leben! Ewig blühender Baum im Wechsel der seligen Jahre! Süßestes Schicksal im Dunkel zerstörenden Daseins! . . .
Ich ging berauscht und betäubt vom Dufte der Stunden, Und entschwindenden Blicks noch umfaßt' ich das göttliche Haus. Und sank in Betten, in denen Weiche und Güte Die gedrückten Gefühle des engen Lebens ersticken.