Versos German Peter Rosegger Das Kind in seiner jungen Zeit

German poem

Das Kind in seiner jungen Zeit

by (1843–1918)

Listen in the reader

Das Grünen ist ein Auferstehn, Das Reifen ist ein Sinken. Drum laß' das Kind zu seiner Zeit Die reinen Freuden trinken.

Das Kind in seiner jungen Zeit Ist Brennpunkt aller Sonnen, Des Daseins hold begrenztes Ziel, Des heiligen Glückes Bronnen.

Wächst es heran, ist nichts mehr sein, Muß um die Wette laufen, Mit jedem Tag und jeder Plag' Sein Leben neu erkaufen.

Der erste Drang der Lieb' ist schon Des Todes erstes Fodern, Ein Korn, das junge Keime treibt, Fängt selbst schon an zu modern.

Das Grünen ist ein Auferstehn, Das Reifen ist ein Sinken, Drum laß' das Kind zu seiner Zeit Die reinen Freuden trinken.

Mein süßes Kind, du weißt noch nicht ...

Da hüpft mein liebes, lockiges Kind Im grünen, sonnigen Rosenhag, Umblüht von Knösplein schwellend hold, Umschallt von hellem Lerchenschlag. Sein Äuglein strahlt, sein Mündchen jauchzt In unbewußter Lebenslust. Mein süßes Kind, du weißt noch nicht, Wie bald du wieder sterben mußt. Wie sieht sich doch im Wahn des ewigen Lebenstags ein Frühling an? Du fühlst, was aufblüht—doch was welkt? Zu Grabe sinkt? Du denkst nicht dran. Ein junger Gott bist heute noch; Wie wirst du dich entsetzen, Kind, Wenn dir die erste Botschaft kommt, Daß alle Wesen sterblich sind. Ach, ich verschweig' dir, was ich weiß, Nur blick mir nicht ins Aug' hinein, Es könnt' sich spiegeln drinnen noch, Was ich gesehn im schwarzen Schrein.— O, leb in Glück, mein Kind! Und erst Wenn du von allem, allem satt, Erst dann vernimm, was Gott für dich In seiner Lieb' bereitet hat.