German poem
Der Besessene
by Peter Rosegger (1843–1918)
Mir graut, ich bin besessen, Besessen von dem Gelde hier, Mein Schaffen, selbst mein Sinnen, Mein Träumen wird zu Gelde mir. Was meine Hand berühret, Wird märchenhaft zu Gelde mir, Die Sehnsucht meines Herzens Wird eingelöst mit Gelde mir. Ich dürst' nach Lieb' und Freundschaft, Nach Mut, nach Frohsinn, Ehr' und Ruhm, Mein heißer Drang nach Tugend, Er setzt sich schnöd in Gelde um, Vor meiner Türe wimmern, ach, Die Hungernden und Armen, Und ich bin nicht imstande, ach, Mich ihrer zu erbarmen. O Brüder, liebe Brüder, Wie teil' ich euch von Überfluß, Da ich doch selber mitten Im schnöden Gelde darben muß. Das Geld als Segen Gottes, Das habe nie besessen ich, Doch bin von schlechtem Mammon Seit Jahr und Tag besessen ich. Und weil vor dem Verlieren In Angst und Sorg' ich beben muß, So hab' ich Not und Elend Vom Geld, solang ich leben muß. Und wenn ich's einst verlassen soll, Wird doppelt hart das Sterben, Und schmähen einen Geizhals mich Die tief verhaßten Erben.— O grauenhaftes Schicksal, du, Den Mammon zu verfluchen, Und ihn mit Hungers Hast und Gier Doch immer müssen suchen. Dem Armen das Verschmachten Für seine Seele frommen muß, Dieweil die meine jämmerlich Im goldnen Bann verkommen muß. O Gott, wie wird das enden noch, Was soll mich Ärmsten laben, Wenn ich den goldnen Becher leer In lahmer Hand werd' haben! Noch einmal möcht' für Göttliches Auf Erden ich erwarmen. Erlöse von den Banden mich, Erbarmen, Herr, Erbarmen!