German poem
Liebes-übung
by Philipp von Zesen (1619–1689)
Fasst muht/ ihr schöne Seelen/ zu widerstehn der blöden welt/ die euch mit schelten pflegt zu kwehlen/ und aller wohl-lust widerbellt.
Sie setzt den lastern straks zur seiten das allerliebste Lebens-licht/ und weil sie flüht die liebligkeiten/ lebt sie auch selbst im leben nicht.
Verflucht die tohrheit dieser leute/ die nuhr aus bloßem schwermuht rührt/ und wählt der mehr beglükten seite/ da ihr nichts als vergnügung spürt.
Auf! laßt die augen lächlend fechten/ ümhalset/ schertzet/ hertzt und küsst/ und spielt auch selbst bei allen nächten was für ein spiel euch mehr gelüst.
Besucht aus süßen rasereien das edle volk der liebes-lust/ das euch im kummer kan erfreuen/ und letzet lippen/ hand und brust.
Es ist ein volk von sanften sinnen/ das eher flöht üm eure gunst/ das eher sucht euch zu gewinnen/ als daß es spottet eurer brunst.
Sprecht sie nuhr an ohn alles sorgen/ so werden eure dienste sein erwiedert bei dem ersten morgen/ der auf mich wirft den gnaden-schein.
Ob auch bei so versüßtem leben gleich solt' ein herber gleitsman sein/ so giebt die lust/ darin wier schweben/ der seelen lindrung aller pein.
Das willig-angetahne krunken/ das seufzen mit entzüktem muht/ die halb-verloschne Lebens-funken/ die seind es/ was uns dampf antuht.
In so verzukkertem gefechte/ in solcher süßen sinnen-pein/ möcht' ich wohl alle tag und nächte bis in den tod begriffen sein!