German poem
Zur Jahreswende
by Rudolf von Gottschall (1823–1909)
Wieder schwankt des Schicksals Wage – Neue Mühen, neues Glück! Doch die Reue und die Klage Und die Last der schweren Tage Bleib’ im alten Jahr zurück!
Was in Kämpfen und in Sorgen Wir zu eigen uns gemacht, Was wir aus dem Sturm geborgen Retten wir zu schön’rem Morgen Aus versunk’ner Wetternacht.
Ueber all das Dämmergrauen Siege freud’ges Sonnenlicht! Nicht den Sehern laßt uns trauen, Die nur düst’re Bilder schauen In gespenst’gem Traumgesicht!
Stehn wir vor dem Ungewissen, Lebt in uns die sich’re Kraft, Und der Schleier wird zerrissen, Denn ein Blitz in Finsternissen Ist die That, die Großes schafft.
Alles für das Höchste wagen, Sei die Losung immerdar, Gutes thun in guten Tagen Und in bösen nicht verzagen – Sei gegrüßt, du neues Jahr!