German poem
Der Treulose
by Sophie Hoechstetter (1873–1943)
Wir ritten jubelnd durch die Nacht, Fern lag das Schloß – vor uns das Meer So weiß wie Diamanten.
„Mein Liebster, ach, es ist vollbracht, Wie wir liegt keiner nimmermehr In Liebesbanden.“
Am Wege steht ein armes Kind Mit Augen, schwer vom Schmerz, Und Blut an seinen Füßen –
„Was wirst du blaß, sag mir geschwind Was wirst du blaß, geliebtes Herz? Das Mädchen wollt’ dich grüßen!“
„Laß, Liebste, es war nur der Wind, Der spielt zum Scherz Mit einer alten Weide.“
„Nein, Liebster, meine Augen sind So klar und hell wie Erz. Das Kind steht auf der Heide.“
„Nein, Liebste, nein, es ist der Mond Der macht das Land so hell. Er tut dir nichts zuleide.“
„Weißt du, wo dieses Kind wohl wohnt Mein Weggesell’ Das Kind im weißen Kleide?“
„Und so wird meine Lieb’ belohnt Und so vergißt du schnell Was heute eint uns beide?“
„Ja, unser ward das Sakrament Vom Priester dargebracht – Wen ließest du im Leide?“
„Ist’s nicht genug, daß eine brennt Die Reue in der Nacht – Entscheide –“
Da habe ich ihn angeschaut Und bin aus tiefem Traum erwacht An seiner Seite.
Die Nacht ist hin, der Morgen taut, Im Herzen fühl’ ich Grabeslast Hin ging die Freude.
Der Tag wird hell, der Tag wird laut Mein Glück floh ohne Rast Ins Weite – fort ins Weite.