German poem
Dirnenlied
by Sophie Hoechstetter (1873–1943)
EIN DIRNENLIED
Einst, da ich liebte, war ich schön wie Gott Ja, ich war herrlich, gleich den Ungewittern Die über welterstarrter Winternot Erzittern –
Einst, da ich liebte, war mein Mund voll Blut Und meine Augen glühten gleich Gestirnen In irrer Glut – Jetzt geh’ ich mit den Dirnen –
Ich nehme die Liebe von jedem Munde, Ich nehme die Lust zu jeder Stunde, Ich liege am Grunde Dort, wo der Ekel ist. Ich suche – und lache meinem Funde Zu schlecht für die Hunde Zum flüchtigen Bunde.
Aber etwas in mir es nimmer vergißt: Einst, da ich liebte, war mein Mund voll Blut Und meine Seele schrie in seligem Entstarren Und eine Welt erstand aus dunkler Glut – Jetzt bin ich leer – dem Lachen gleich von Narren.