German poem
Ein Judenfriedhof
by Sophie Hoechstetter (1873–1943)
Was ihr im Leben nicht suchtet, nicht kanntet, Und was euch der Gott nicht gab, An den ihr glaubtet, ihr Toten, Das liegt nun über dem verlassenen Ort, Wo euch die Erde wieder nahm, Die euch nie Heimat war: Die Schönheit. Die Totenmale stehen still wie Wandrer, Die dem Sturme trotzten. Und ihr und eure Taten seid vergessen, Doch eurem Staub erblüht In Herbstes- und in Frühlingsblumen Vom Sommerwind beseelt: Die Schönheit. Der Wind streicht über sommerhelle Gräser, Die Nelken blühn im Sonnenglanz Geschmiegt an eure grauen Steine. Der Erde Grund ist lieberot Und sehnsuchtsbleich Vom Thymiane: In Schönheit. Der helle, helle Sommerhimmel grüßt herein Und wie in bebender Lust Zittert die Silberpappel. Und der kronenschwere Wald Sieht wie ein Mysterium des Schweigens Zu euch herein: In Schönheit. Ihr armen Knechte der Welt, ihr Toten, Zu euch ist nie ein Erlöser gekommen, Der eure Augen und eure Herzen Auftat und euch das Evangelium gebracht hat, Das Evangelium: Der Schönheit. Was ihr im Leben nicht suchtet, nicht kanntet, Und was euch der Gott nicht gab, An den ihr glaubtet, ihr Toten, Das spricht zu mir an diesem alten Ort, Wo ich so manchen Sommertag verträumt Und weiter Fernen, ferner Zeiten dachte: In Schönheit. –