German poem
Erinna
by Sophie Hoechstetter (1873–1943)
VIELLEICHT AUCH TRÄUMEN
Kein Wort der Lebensflucht Und auch kein Wort der Müden, Die nur noch die Erinnerung behüten Die abschiednehmend ihre Seele sucht.
Kein Wort der Not Und auch kein Wort der Armen Die niemals Jugend freudig konnt’ erwarmen Die schlafen, während rings das Leben loht.
Ein Wort der Liebe nur: Hast du in heißen Träumen Niemals gelebt in Paradiesesräumen Auf junger Wegespur?
Und kamen nicht zur Nacht In wild-erhöhten, leidgetränkten Farben Das Leben und die Wünsche, die dir lange starben Als groß vollbracht?
Kam nicht bewußt Dir oft im Traume erst die Größe Von deiner Liebe, daß du sie erlöse Zu neuer Lust?
Ward nicht im Traum Dir manchmal erst die Heimat und das Leben Zu einem Bild, wie oft es dir dein Herz gegeben Und wußtest’s kaum?
So ist der Traum Verdichter unsrem Wesen, unsrem Fühlen Und Wahrheitkünder, der in seinem kühlen Erschauern führt uns zum Erkenntnisbaum.
So ist Symbol Der Traum auch jedem Künstlerschaffen – Beseeltes Bild des Lebens, das wir jäh erraffen Will uns die Stunde wohl.