Versos German Sophie Hoechstetter Erinna

German poem

Erinna

by (1873–1943)

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Die Küste von Naxos. Der griechische Dichter. ERINNA, das fremde Mädchen. ERINNA: Was sag’ ich dir, es sind ja doch nur Worte Und meine Seele ist’s, die nach dir schreit Wie jene Menschen, die des Paradieses Pforte Nicht wiederfanden, schrieen auf in Leid Wer bin ich denn: ein ärmlicher Genoß Für dich in hohen Ruhmes Hallen Und du bist schön – und du bist groß, Ich möchte dir zu deinen Füßen fallen Und dir die Hände küssen und nur leise fühlen, Daß du es duldest, wenn mein heißer Mund Entdürstet und sich seine Gluten kühlen Den Toten gleich im Meeresgrund.

Begegnung Der Dichter kommt mit Freunden und Freundinnen. ER: Im Morgenglanz das Meer, silbern die Luft! Stolz hebt sie die Segel der Barken Im Morgenglanz, in Morgenluft Werden wir neu erstarken. Holt uns sie, die wie verstoßen Von Herd und Genossen So viele Tage schon einsam irrt, Das Meer hat ihren Sinn verwirrt Oh, so sagt ihr, daß auch bei uns Göttergeheiligt der Fremdling ist. Ruft sie – ruft sie zum Spiel und zur Freude Nehmt sie in Eueren Kreis. (Einige der jungen Mädchen holen ERINNA.) ER: Wer bist du? Trägst du Leid Um eigen oder fremd Geschick? Wir sahn dich all die Zeit Mit trübem Blick Über das Meer hinstarren In Gram verharren. Kommt dir der Freund von Fernen her Kommt dir der Bruder übers Meer? Sag uns, was dich bedrückt, Dem Tag entrückt. –

ERINNA: Nein, nichts von allem ist mir wahr. Das Meer ist fremd, das Meer ist klar Und stumm wie tiefste Nacht Wird mir nichts bringen – hat nichts gebracht.

ER: Ja wenn du einsam bist So bleib’ in unserm Kreise, Rast’ von der Reise Bis dich dein Schicksal küßt. ERINNA sieht erblassend auf die Mädchen, die ihn zärtlich umspielen. ER: Wer bist du?

ERINNA: In dieser Stunde nichts – in Ewigkeit vielleicht Ein Blatt nur, das der Wind erbleicht. Sie entflieht. ER allein: Du wunderliche Namenlose Dem Schoße Von Meer oder Erde einsam entstiegen, Meine Gedanken müssen zu dir fliegen – Du sahst mich an – und deine Lippe bebte Du sahst mich an – in deinen Augen lebte Ja fast der Zorn, als hätt’ ich dich gekränkt Ich, der den Menschen Schönes nur geschenkt.

ERINNA in der Nacht am Meer: Vom Himmel taumeln Wandersterne In blasser Ferne Küssen sich Erden- und Meeresrand – Ich hör’ in kühle Weite Doch unter meinem Kleide Glüht mein Herz in rotem Brand.

ER sucht sie in der Nacht: Weil du nicht kommst, du Fremde Komm ich zu dir zur Nacht Und biete dir die Hände Als Freund, der mit dir wacht.

ERINNA: Du bietest allen deine Hand Und würfe sie das Meer wie Sand Zu deinen Füßen nieder Gibst allen deine Lieder. Ich sang ein Lied für dich allein, Es sollte einzig für dich sein – Ich habe mich wohl Frevels vermessen Bin kaum gekannt – vergessen.

ER: Du bist Erinna?

ERINNA: Weh mir, daß ich’s bin.

ER: Oh komm zu mir, die Stunde will ich segnen Da wir uns nun ein zweites Mal begegnen.

ERINNA: Nein, laß mich gehn, laß mir das Ehrenkleid Einsamen Schmerzes unentweiht.

ER: Ich habe dich enttäuscht? Oh, meine Seele glüht Noch jung, wenn auch der Leib verblüht.

ERINNA: Wenn das Verblühen heißt, so hab’ ich dieses Wort Bisher verkannt. Verblühen ist dann Glanz, Ist Schönheit, Rausch – Entzücken – Ja, dann verblüht die Sonne auch Wenn sie im Frührot neu dem Meer entsteigt, Dann altern auch Gestirne, Wenn sie uns leuchtend grüßen durch die Nacht.

ER: Und weßhalb willst du dann dich von mir wenden? Ist’s, weil mit kinderfrohen Händen Die Mädchen zärtlich mich umfassen? Oh, nun versteh’ ich dein Erblassen An diesem Morgen. Komm, Erinna, komm, Gar manche Fackel mir verglomm, Doch unsre Fackel soll die letzte sein, Die wir den alten Göttern weih’n. Komm, lange sehnt’ ich mich Eh du mir nah Komm, lange liebt’ ich dich Eh ich dich sah. –

ERINNA: Was sag’ ich dir, es sind ja doch nur Worte Und meine Seele ist’s, die nach dir schreit Wie jene Menschen, die des Paradieses Pforte Nicht wiederfanden, schrieen auf in Leid Wer bin ich denn? Ein ärmlicher Genoß Für dich in hohen Ruhmes Hallen Ach laß mich doch zu deinen Füßen fallen Dir deine Hände küssen und nur leise fühlen Daß du es duldest, wenn mein heißer Mund Entdürstet und sich seine Gluten kühlen Den Toten gleich im Meeresgrund.

ER: Du Allerholdeste, ich neige mich vor dir, Vor deiner Jugend, deiner Seele Mut Die zu mir fand und auf das Schönste mir Vertraut als gäb’ sie sich in Aphroditens Hut. Du Allerholdeste, ja du hast mich verstanden Du kamst, gelöst aus alter Sitte Banden Und bringst mir dich. Ich will dir wiedergeben Was du mir gabst mit meinem ganzen Leben Die Einzige, die mir so ganz vertraut Sei Freund und Schwester mir und Frühlingsbraut.

ERINNA hilflos bewegt: Durch schmerzverdunkelte Nacht Klang mir dein Lied wie purpurner Rausch Dein Lied ist deine Seele Deine Seele liebe ich – – laß mich sie küssen. –

ER: Deine Seele will meine Seele küssen? O Kind aus Märchenland, Seelen, die zu einander müssen Brauchen des Eros Band. Steh auf von meinen Füßen Komm, gib mir deine Hand, Gib mir den Mund, den süßen Mein Herz ist voll zum Rand. Die ewigen Götter lieben die Freude Und des Lebens Lust ist der Opferrauch Den wir ihnen in Schönheit bringen Und so bedeute Uns dieser alte heilige Brauch, Daß unsere Seelen zusammen klingen. –

Vereinigung Wie Mandelbäume im Frühlingsblust Sind wir mit Reichtum bedacht Aus goldenen Schalen der Lust Trinken wir still zur Nacht Unser vermähltes Blut.

Epilog ERINNA: Sonst braucht’ ich Worte, brauchte die Geberde Ein irres Kind der Erde Die mich gebar Und jetzt, Geliebter, sag’ ich dir in Küssen Nicht nur die Liebe – alles was von Wissen Und Tod und Nacht in meiner Seele war Vermag sie stummen Mund’s mit dir zu tauschen Deinem Herzen lauschen Kann jeder Nerv des Körpers nun verstehn – Du wirst nie wieder von mir gehn – Wir suchten uns durch eine Ewigkeit Und fühlt mein Blut nur deines Kommens Zeit So weiß ich, daß es nichts gibt, was uns trennt So weiß ich, daß im stillen Hain ein Altar brennt Auf dem die blaue Flamme unsrer Leidenschaft Gleich wie die Himmelsvenus glüht in Liebeskraft – – Ja, wenn ich nur in dämmernder Nacht Den Atem spüre, der dich hebt, So weiß ich, in uns beiden lebt Eine Seele, die alles vollbracht.

ER: Du kamst zu mir, wie ein vergottet Abbild Des eignen Jugendglühens – bist Erinnerung Und Offenbarung mir in süßem Zweiklang – Ich liebe dich, ich liebe dich, Kein ander Wort weiß mehr mein Mund, Kein andres Denken kennt mein Herz Als das noch: du bist mein. Und wenn ich weinen könnte, o so wär’s, Daß ich dir nicht die erste Liebe dieses Lebens Mehr geben kann. Aber Tränen Hab’ ich nicht mehr. So goldenstill In Süße hast alles du getaucht Hast mich begnadet, daß ich nur noch bitte Die Spindel, die den Lebensfaden Uns trägt, sei fruchtbar Wie der blaue Flachs des Feldes – Du – du Geliebteste, doch bin ich stolz Denn eines kann ich vor dir voraus: Auf meinen Armen trag ich dich Dem Wind entgegen Trag dich dereinst durch Tod und Nacht Und Weltenbrand Zu letzter Lust