German poem
Bey Frankreichs Feier
by Sophie Mereau (1761–1806)
Genius der Freiheit! Du der glühend sich ins Herz der Nationen taucht, wo ein Strahl von Menschenwürde schlummert, schnell den Strahl in lohe Flammen haucht,
Wo, an welchem Himmelsfeuer zündest du die Fackel? – Welche Sonne leiht ihren Strahl dir, daß von ihm erwärmet jede Zone dir Altäre weiht? –
Mächtig zwar rührt auch der Liebe Zauber Menschenseelen, adelt Herz und Muth, aber selbst der Flammenhauch der Liebe wird verschlungen von der Freiheit Gluth.
Wo dein hoher, kühner Flügel rauschet stehn entschlossen Nationen auf, fühlen ihre Kräfte, richten muthig zu des Ruhmes Tempel ihren Lauf.
Wo du fern bist, ach! da sinken nieder zu der Knechtschaft tödendem Gefühl alle Tugenden der, Künste Adel wird erniedrigt zu des Schwelgers Spiel. Gallien, von Dankgefühl durchglühet bringt dir heut der Huldigungen viel – Dir o Geist der Freiheit, ihrem Schöpfer rührt die Freude dort ihr goldnes Spiel.
Dort, wo unter dem verhaßten Drucke weniger Tyrannen, denen nie Menschlichkeit im Busen schlug, vergebens nach Gerechtigkeit die Unschuld schrie.
Dort hebt endlich – so bewegt des Meeres stillen Spiegel zürnend der Orkan – die verstummte Menschheit ihre Stimme hält der Willkühr stolzen Zügel an.
Freiheit adelt! und nach ihr zu ringen ist der Kräfte jedes Edlen werth, ist auch jedem nicht die Siegespalme von des Schicksals hoher Hand beschert.
Sinkt ihr rückwärts vom erstiegnen Gipfel in der Knechtschaft fürchterlichen Schooß, jeder Edle wird euch Thränen weihen! – doch auch dann bleibt, was ihr thatet, groß! –
Doch hinweg die schwarze Ahndung heute, wo der Freude süße Thräne rinnt, wo von hohem Selbstgenusse trunken dreimal glücklich Frankreichs Bürger sind.
Unbekümmert ob die Sein’, der Ganges, ob der Nil durch seine Länder fließt, nehm ich Theil an jedes Volkes Freude, das der Freiheit goldnes Glück genießt.