German poem
Die Landschaft
by Sophie Mereau (1761–1806)
Einsam, auf des Berges ödem Gipfel, Schau ich, über die bewegten Wipfel, Tief hinunter in das weite Thal, Wie harmonisch liebliche Gestalten Sich in Jugendfülle rings entfalten, Freundlich glühen in der Sonne Stral!
Ha! wie wanket hier im Sonnenglanze Dieser lichte Grund, wo wie im Tanze Eingewurzelt, froh die Bäume stehn, Bald in Gruppen vielfach sich verschlingen, Dort gepaart in stille Lüfte dringen, Einzeln hier an kühlen Bächen wehn! Wie ein Silberband in Blau getauchet Schlingt der Fluß, von Kühlung sanft umhauchet, Seine Fluthen durch der Wiese Grün. Sichtbar jetzt und jetzt in die Gebüsche Schwindend, krümmt an seines Ufers Frische Heimlich sich der schmale Fußsteig hin.
Fern von ihm, bedeckt mit weißem Sande, Ziehet, bald mit einer Felsenkante Eingefaßt, in Dörfer hier versteckt, Die belebte Straße sich in breiter Träger Krümmung, zögernd, immer weiter, Bis sie fern der dunkle Wald bedeckt.
Voll Bedeutung schaut aus blauen Lüften In des Thales froh belebte Triften, Die Ruine schwermuthsvoll herab. In sich selbst gedankenvoll versunken, Blickt die stille Seele schauertrunken In der Zeiten ewig ofnes Grab. Hinter ihr in langen Streifen dehnen, Bis sie sich an ferne Berge lehnen, Anmuthsvoll sich stille Saaten hin; Ihre Farben, die, wie bunte Flammen, Sich durchkreuzen, schmelzen fern zusammen, Und entschweben dem getäuschten Sinn.
Mir zur Seite, über die Gefilde Trotzt ein Klippengrund, dem nie die milde Frühlingssonne einen Halm entlockt, Nur des Gießbachs wilde Ströme haben Tiefe Spuren, zürnend, eingegraben, Wo durch ihn ihr rascher Lauf gestockt.
Jetzt erhebt auf dunstbeladnen Schwingen Sich der Sturm und schnell verstummt das Singen Froher Vögel, alles athmet schwer. Horch, der Donner hallt in langen Pausen, Und es zieht, voran ein banges Sausen, Dort ein drohendes Gewölk einher. Unablässig beugt, ein Spiel der Winde, An dem Hügel sich die hohe Linde, Beben alle Gräschen um mich her. Während dort, versteckt in Blüthenzweigen Tief im Thal noch alle Lüftchen schweigen, Säuselt hier kein lauer Zephir mehr.
Sieh, dort flieht, vom schnellen Sturm ereilet, Noch ein Sonnenblick, der nirgends weilet, Schnell verlöschend durch die weite Flur, Und ein Schauer fliegt den Ungewittern Leicht voran, und dringt mit bangem Zittern Tief in die erschütterte Natur.
Und mit länger nicht verhaltnem Grimme Rollet nun des Donners laute Stimme, Und der Himmel und die Erde schwankt, Dünste fahren auf in lohe Flammen, Staubgewölke ballen sich zusammen, Und des Tages matter Schein erkrankt. Und der Sturm, den keine Kräfte zügeln, Ras’t umher mit Nachtbedekten Flügeln, Droht Verheerung der geschmückten Flur. In der großen Szene ganz verschlungen, Ehr’ ich mit bescheidnen Huldigungen, Dich in deiner Leidenschaft, Natur!