German poem
Nachtgedanken in Petersburg 1859
by Taras Schewtschenko (1814–1861)
NACHTGEDANKEN IN PETERSBURG 1859
O Menschen, elend bis zum Grunde, Was braucht ihr Zaren, Krieger, Richter? Was braucht ihr all’ die Hundsabrichter? Seid ihr doch Menschen, keine Hunde!
Einst in der Nacht geh’ ich entlang Dem Newaufer, und im Gang Ins Herz mich der Gedanke sticht: «Ach, wenn sich doch die Sklaven nicht Geduldig beugten tief darnieder, So lastet’ auf der Erde schwer Kein schandbefleckter Palast mehr! Wir hätten Schwestern, hätten Brüder Und nun nun blieb uns nichts als Spott, Kein Gott, sogar kein halber Gott, Nur Hund und Treiber sind nun Herr! Wir Hundejungen füttern sie Und weinen still, doch drohen nie!»
So wandelnd hab’ ich mir gedacht Am Newastrand in dunkler Nacht Gar insgeheim. Da siehe doch! Von drüben, wie aus einem Loch, Stiert eine Riesenkatz’ mich an: Zwei große Leuchter brennen helle Am Tor der grausen Zitadelle. Ich bebte auf, bekreuzt’ mich dann, Spuckt’ das Gespenst wohl dreimal an Und wandle fort in dunkler Nacht Und denke fort, woran ich hab’ vorher gedacht.