German poem
Der Mönch von Heisterbach
by Wolfgang Müller von Königswinter (1816–1873)
Ein junger Mönch im Kloster Heisterbach Lustwandelt an des Gartens fernstem Ort; Der Ewigkeit sinnt still und tief er nach Und forscht dabei in Gottes heil’gem Wort.
Er liest, was Petrus, der Apostel, sprach: „Dem Herren ist ein Tag wie tausend Jahr’, Und tausend Jahre sind ihm wie ein Tag,“ – Doch wie er sinnt, es wird ihm nimmer klar. Und er verliert sich zweifelnd in den Wald; Was um ihn vorgeht, hört und sieht er nicht; – Erst wie die fromme Vesperglocke schallt, Gemahnt es ihn der ernsten Klosterpflicht.
Im Lauf erreichet er den Garten schnell; Ein Unbekannter öffnet ihm das Thor. Er stutzt, – doch sieh, schon glänzt die Kirche hell, Und draus ertönt der Brüder heil’ger Chor.
Nach seinem Stuhle eilend, tritt er ein, – Doch wunderbar – ein Andrer sitzet dort; Er überblickt der Mönche lange Reih’n –, Nur Unbekannte findet er am Ort.
Der Staunende wird angestaunt ringsum; Man fragt nach Namen, fragt nach dem Begehr; Er sagt’s – dann murmelt man durch’s Heiligthum: Dreihundert Jahre hieß so Niemand mehr.“
„Der Letzte dieses Namens,“ tönt es dann, „Er war ein Zweifler und verschwand im Wald; Man gab den Namen Keinem mehr fortan!“ Er hört das Wort; es überläuft ihn kalt.
Er nennet nun den Abt und nennt das Jahr; Man nimmt das alte Klosterbuch zur Hand; Da wird ein großes Gotteswunder klar: Er ist’s, der drei Jahrhunderte verschwand.
Ha, welche Lösung! Plötzlich graut sein Haar; Er sinkt dahin und ist dem Tod geweiht, Und sterbend mahnt er seiner Brüder Schaar: „Gott ist erhaben über Ort und Zeit.
Was er verhüllt, macht nur ein Wunder klar – Drum grübelt nicht, denkt meinem Schicksal nach! Ich weiß: ihm ist ein Tag wie tausend Jahr, Und tausend Jahre sind ihm wie ein Tag.“
Wolfgang Müller von Königswinter.