German poem
Es kommt ein Tag, der der letzte ist
by Ernst Scherenberg (1839–1905)
Verschwendrische Fülle beglückender Zeit, Vom Morgen des Lebens gespendet, Die lockenden, blühenden Wege so weit, Ein Frühling, der nimmermehr endet! Wer denkt je, wo Jugend die Flagge gehißt: Es kommt ein Tag, der der letzte ist!
Aufsteigende Sonne mit zündendem Licht Die Rose der Liebe entflammte; Wo wäre der Frost und der Sturm, der sie bricht, Da ewigem Lenz sie entstammte! Doch wie auch die Lippe der Liebe dich küßt – Es kommt ein Tag, der der letzte ist!
Die Liebe verblaßt, es entlodert der Zorn, Von Hast wird umdüstert die Seele; Doch am Herzen reifst dir der Neue Dorn, Nagt Schuld dir und eigene Fehle. Wohl dem, der zu spät nicht vergiebt und vergißt! Es kommt ein Tag, der der letzte ist!
Nie rastend wirk’ für die Deinen, die Welt! Denn plötzlich stehst du sich neigen Die Sonne, welche dein Dasein erhellt, Und Nebel weben und steigen. Ob nah’ deinem Ziel dann, ob fern du ihm bist – Es kommt ein Tag, der der letzte ist!
Und hat dir das Schicksal die Fäden verwirrt, Magst kämpfen du nicht mehr und werben, Ward müde dein Fuß, der in Nächten verirrt, Blieb nichts als der Wunsch dir, zu sterben – Harr’ aus, harr’ aus noch die kurze Frist: Es kommt ein Tag, der der letzte ist! Ernst Scherenberg.