German poem
Ein Sonntags-Lied
by Franz Werfel (1890–1945)
Schon öffnet sich meine Chaussee, Breitwallend fließt sie zum Flusse, – Wo schwankende Landungsbrücken Nach höflichen Dampfern spähn.
Am andern Ufer die Villen Erlöschen schon langsam. Der Himmel, Der noch in den Ästen spielte, Entschwebt zu höherem Ort.
Die lieben und wohlbestellten Vorgärten schmiegen sich aufwärts. Die Häuser, wie trauliche Eltern, Sind innerlich aufgewacht.
Die Menschen und lautlosen Wagen – Dies alles so unschwer – ich glaube Wir sind schon Selige, wandelnd Im unterirdischen Tag.
Wer weiß noch von Mühsal und Denken? Wir tragen die heiteren Farben, Die oben zerstreuten Gefühle Zerbrachen in ein Gefühl.
Ich kenne nicht mehr Dein Gesicht. Dein Name ging lange verloren. Doch kräuselt Dein schwebendes Wesen Den Abend auf meinem Gefühl.
Ich fühle Dich auf der Straße Und Deine Schritte im Zimmer. Ich fühle, wie Du im Theater Ins Dunkel Dein Opernglas hebst.
Dies Ein-Gefühl, windreiche Ruhe. Es weiß nichts von Scham und Verzichten. Drum zieh ich durch offene Welten Und bin so unendlich zu Haus.