German poem
Ein Gesang von Toten
by Franz Werfel (1890–1945)
Der Staatsmann
Im wilden Sitzungssaale – Ich räusperte mich allzuoft Und stand, als Lineale Den Schädel schonten unverhofft. In meines Herrn Kaleschen – Er war nervös und dunkelstumm – Durchfuhr ich goldne Breschen Von Flaggen, Wind und Publikum. Auf künstlichen Kongressen Besah ich manches Ordensband, Zu Hause die Komtessen Küßten mir artig Wang’ und Hand. Nun ist es mir verglitten – So leer es war, nun ist es um. O Klang von Wort und Schritten! Ein Ruf nur bleibt. Warum?
Das Dienstmädchen
Kleiner Weg durch kleine Küchen! Früh sagt der Portwisch: Mach rein! Und da kommt der Herr mit verschlafenen Flüchen, Und die Frau ohne Haar ist gemein. Oft sang ich an einem Bügelbrett. Nachts lag ich in einem roten Bett. Und kamen abends Gäste ins Haus, Sahn sie mich nicht an beim Schmaus. Sie sahen nicht Blässe und Augenstriche, – Hatte ich da das Monatliche, Lief ich doch ein und aus. Einst war ein Sonntag gut Im Kino und beim Photographen …
Nun aufgewacht und ausgeschlafen, Was ist es, daß mein Herz nicht ruht?
Der Kanarienvogel
Ich sprang von meinem Holm In den Silberring. Da schlugen große Uhren durchs Zimmer, Und oft vom Flügel Kam riesige Wonne her. Es waren Wesen da Mit Paradiesesstimmen, Die brachten früh mein gelbes Bad. Sonst kamen nur Wolken genaht Und der Fensterbaum immer. Einst schwebten Augen auf mich herab, Da schwirrte ich in meinen kleinen Sand. War müd’ und tot.
Was bin ich noch da?
Die Schultasche
An den Kinder-Knien Schlug ich hin und her, Manchmal wie es schien War ich leicht und manchmal war ich schwer. Niemand war der Freund Der mich treue schätzt. Eine Hand gebräunt, Hat mich schwarzgenägelt, dann zerfetzt.
Einmal war ich hier Und bin doch nicht aus. Warum gibt’s in mir Alte Sehnsucht noch nach altem Haus.
Der Geist
Nicht ist es mir bestimmt zu ruhn, Da ich doch einmal schmerzlich bin, In alles mich hineinzutun Und Form zu werden, ist mein Sinn. Wer zwingt mich denn dazu, In Qual und Trägheit zu erstehn, Statt in die zarte Ruh’ Des Niegenanntseins zu zergehn. Was war ich denn ein kleiner Traum, War Susa und war Kapernaum? Ein Held, der wild mit Niggern rang, Und eine alte Frau, Die nachts ins Wasser sprang? Und immerfort bin ich ein Ort, Bin Sternenwind und -tier Und bin Ihr alle vier. Der Staatsmann
Auch war einmal ein Tag, Da gab mein König mir die Hand, Und eine Träne stand In seinem Aug’ und seine Hand In meiner lange lag. Aus meiner Brust empor, Schwang sich ein Wonnen-Chor, Goldschwirrend, wie aus einem schönen Vogelschlag.
Das Dienstmädchen
Einst sagte die Mutter zu mir: Was lachst denn dummes Mädel? Die Landstraß’ war schön, Der Himmel war schön, Gott, hab’ ich da weitergelacht! –
Der Kanarienvogel
Oft wußt ich, daß eine Mutter war, Die sang durch meine Nacht wunderbar, Was in uns rann, war eins. Da kam das, was ich nicht verstand, Hob sich auf vom Schnabelrand, Jubel und schön!
Die Schultasche
Einmal senkte jemand in mich Eine Chrestomathie. Und da geschahs, da lebte ich. Groß, wie noch nie. Zufühlt’ ich rings dem, was geschah, Wir alle sind, alle sind da!!
Der Geist
Ihr alle, alle, die ich bin Ja Freude, Freude ist der Sinn! In dem Ekel der Ewigkeit Kommt jedem seine Zeit Und reißt ihn hin. Gott, Freude, Ziel der Verwandlung, dem ich danken kann, Daß ich nie verrinn, wie ich nie verrann! Ich stürze — — — ich bete an!
Gesang der Toten vor neuem Leben
Wie es sich doch bereitet, In neue Sphären uns zu ziehn. Wie formt, was uns begleitet, An neuen Schultern schon und Knien?!
Ein süß geschwelltes Trauern Zeigt uns Durchschwebtes wunderbar, Zeigt uns in altem Schauern, Wie ich im Speisezimmer war. Zeigt, was uns zugemessen An Atemteil war, dumpf und froh. Ach, da wir nichts besessen, Was faßt uns das Verlorne so?!