German poem
Du blühetest die schönste aller Eichen
by Friedrich Rückert (1788–1866)
Du blühetest die schönste aller Eichen, Germania, im tiefsten Kern gesunde; Als dir der Römer gegenüberstunde, Könnt' an die Äste dir sein Speer nicht reichen. Da schlug ein andrer Feind mit listigen Streichen Dir von der Westseit' eine schwere Wunde, Hieb von den Ästen manche dir zum Grunde, Und zimmerte daraus sich Siegeszeichen. Nun will er gar den ganzen Stamm zerhauen, Und tröstet dich: »Ich will euch wilde Äste Zu einem wohlgefugten Haus verbauen.« Er baue dich zum schönsten der Paläste, Doch wird dir kein lebendiger Lenz mehr tauen, Nicht rauschen wirst du mehr im freien Weste.
More by Friedrich Rückert
- Du bist gegangen, und wir gehn dir alle nach
- Du bist in Gottes Ratsversammlung nicht gesessen
- Du bist vergangen, eh' ich's gedacht
- Du bist von mir als wie der Lenz geschieden
- Du brauchst nicht deinen Schmerz zu nähren
- Du denkst vielleicht, ich habe dich vergessen
- Du fragst, wie Ewigkeit du dir auf Erden dichtest
- Du gingest nicht, du flogest