German poem
Noch erblickte Niemand deine Züge
by Hafis (1326–1389)
Noch erblickte Niemand deine Züge, Und doch hast schon tausend Buhler du;
Nur noch Knospe bist du, und schon fliegen Liebentbrannt dir hundert Sprosser zu.
Wenn ich in dein theures Dorf gekommen, Ist da nichts Befremdliches fürwahr,
Denn von Fremden lebt in diesem Lande, Wie ich selbst, gar eine grosse Schaar.
Zwar entfernt von dir muss ich stets weilen, (Weile Niemand je entfernt von dir!)
Doch die Hoffnung, dir mich zu vereinen, Lebt nicht minder nahe stets bei mir.
Liebe in den Klöstern unterscheidet Sich von Liebe in den Schenken nicht:
Denn in jedem Orte wo er weilet Strahlet ja des Freundes Wangenlicht.
Wo die frommen Werke einer Zelle Ihren Glanz verbreiten fort und fort,
Schallt die Glocke von des Mönches Kloster Und des Kreuzes Name tönet dort.
Wo ist je ein Liebender gewesen, Dem der Freund den Blick nicht zugewandt?
Denn für alle Leiden ist, o Meister, Auch der Arzt, der heilende, zur Hand.
Alle Klagen, die Hafis erhoben, Sind am Ende doch nicht ohne Grund:
Eine gar befremdliche Geschichte, Einen selt'nen Vorfall mach' ich kund.
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