German poem
In der Bibliothek
by Hanns von Gumppenberg (1866–1928)
Es kauern Herzen dort im Bücherspinde, Verweint, verschwollen, dann in bleicher Weißglut Des Leids gedorrt .. ach ja – ich wollte lesen! Ich hol’ mir so ein Herz. Es bricht und platzt Hier auf dem Tisch – verstocktes und verstaubtes Urväterblut verstreut sich auf die Platte, Wie einer hundertjährigen Blutwurst Füllung, Wie dunkelroter Schnupftabak. Die Luft Wächst eng – ich ginge lieber. Doch da hockt Ein gelbverschrumpfter alter Schmöker, bohrt Pupillenleer mich an, und drosselt mich! Er möchte, daß ich eine Träne träufle – Und alle Kauerherzen in den Spinden, Sie möchten, daß ich endlich Tränen träufle.
nach Maximilian Dauthendey