German poem
Idealer Wert
by Heinrich Kämpchen (1847–1912)
Hätte nur das Nützliche allein Recht zu vollem Wachstum und Gedeih’n, Müßte manche schöne Blüte sterben, Müßte manche Blume sich entfärben – Kunst und Künstler, nach realem Schluß, Wären völlig Ueberfluß. –
Arme Nachtigall, was schafft dein Lied, Wenn man auf den Nutzen sieht? – Einen Blick nur wirf auf uns’re Tenne, Tief beschämen muß dich jede Henne – Unmelodisch klingt ihr Gackerschrei, Doch sie legt ein Ei dabei. –
Rose sprich, was nützt dein süßer Duft? – Ein Gemeingut für die Luft, Ist er jedem Winde untertänig Und ein jeder nascht von ihm ein wenig. – Nein, da lob’ ich den Kartoffelstrauch, Mit den Blüten trägt er Knollen auch. –
Holde Kunst, wie würd’ es dir ergeh’n, Müßtest du der Dummheit Rede steh’n? – Ohne Grübeln, ohne Kopfzerbrechen, Würde schnell sie dir dein Urteil sprechen Und es hieße: Weg von meinem Herd! Das Reale nur hat für mich Wert. –