German poem
Lied einer Nonne
by Johann Baptist von Alxinger (1755–1797)
Bittre Thränen, deren Quelle Nie versieget, fliesset hin, Ueberschwemmt die öde Zelle, Wo ich eingekerkert bin!
Trüb das Aug, mit blassem Munde, Welker Wange, fleh’ ich hier In der grausen Geisterstunde, Mein Gekreutzigter, zu dir!
Ach, ersticke dieses Feuer, Das in meinem Busen wühlt, Das kein Skapulier, kein Schleyer, Das kein heilig Wasser kühlt!
Sieh! an meinen hagern Lenden Naget das Zilizium; Und den Rosenkranz in Händen Irr’ ich durch dein Heiligthum:
Spreche mit Cathrinens Muthe Der empörten Menschheit Hohn, Geißle mich, von härner Kutte So schon wund, zum Skeletton.
Dennoch, weh mir Armen, wehe! Scheint mir Selmar immer nah; Wo ich knie, wo ich stehe, Ist das Bild des Jünglings da!
Will ich im Breviere beten, Find’ ich seinen Namen drin; Will ich zum Altare treten, Seh’ ich, statt des Priesters, ihn;
Wenn ich auf dem Antlitz liege, Hebet er mich tröstend auf; Knie’ ich auf der heilgen Stiege Kniet auch er vor mir hinauf:
Selbst aus blassen Leichensteinen Tönt mir seine Stimm’ ins Ohr, Zwischen modernden Gebeinen Glänzt sein blaues Aug hervor.
Von Gedanke zu Gedanke Fortgeschleudert, steh’ ich hier, HErr, von deinem Kreutz, und wanke Zwischen ihm und zwischen dir;
Denn die frommen Mörder haben, Jesus, dir mich anvertraut. Sieh, lebendig eingegraben Winselt strafbar deine Braut,
Schmachtet, ewiglich verlassen, Hier an diesem Jammerort, Wie auf unwirthbaren Strassen Ein verwahrlost Bäumchen dorrt.
Laß sie ja nicht länger schmachten, Geh mit ihr nicht ins Gericht, Lieb’ und Welt will sie verachten; Aber ach, sie kan es nicht.
Tilge dieses heisse Sehnen, Schaff’ in meinem Herzen Ruh, Oder drück’ ein Aug voll Thränen Durch die Hand des Todes zu.