Versos German Johann Karl Wilhelm Geisheim Der Nachtwächter

German poem

Der Nachtwächter

by (1784–1847)

Listen in the reader

Von einem nassen Austernschmause Ging Schalk in der Genossen Schwarm, Mit Laun’ und Muthwill Arm in Arm Zechbrüderlich und laut nach Hause. – Elf Uhr! just schreit der Wächter aus. Ihn stört der Schwärmer Saus und Braus, Er ruft sie an, und will sie packen, Daß sie so spät die Stadt durchschrein. Schalk, aufgelegt zu schabernacken, Läßt sich in Unterhandlung ein, Und weiß den Brummbär so zu zähmen, Daß er mit an das Weinhaus geht, Und – kältlich war es – nicht verschmäht, Ein Glas, und mehr als eins zu nehmen; Ja ihm behagt das Ding so sehr, Daß ihm der Spieß, der Kopf zu schwer Und schwankend seine Beine werden. Er sinkt, vom Geist’ besiegt, zur Erden. So wollt’ es Schalk. Ihr Herrn, rief er, Nun schafft mir einen Wagen her; Mir fällt ein Spaß ein sonder Gleichen, Der tollste von den tollen Streichen. –

Der Wagen kommt. Man ladet drauf Den Wächter, so vollkommen trunken, Als wär’ er in den Tod versunken. Nun geht die Fahrt in vollem Lauf Zum Thor hinaus. In wenig Stunden – Noch hält die Nacht den Tag gebunden – Gelangt das wohlgeschmierte Rad Nach Schalks Gebot zur nächsten Stadt. Am Markte, sonder Aufsehn, laden Sie still den sel’gen Schläfer ab, Der noch kein Lebenszeichen gab.

Ein Regen fängt ihn an zu baden, Erwecket seinen Geist gemach, Und eben, als es Drei geschlagen, Wird er, wiewohl noch taumelnd, wach. Er pfeift, die Stunde anzusagen, Zwölf Mal, und kreischend ruft darnach Er aus: Die Glock’ hat Zwölf geschlagen!

Es dringet seine falsche Stimme Den städt’schen Wächtern in das Ohr. Sie rotten schleunigst sich zum Chor Und ziehn heran mit wildem Grimme, Zu fahn den frechen Bösewicht, Der so sie äfft in ihrer Pflicht. Sie finden staunend ihres Gleichen, Ihm fehlet kein Nachtwächterzeichen. – Was rufst du, Kerl, hier? stürmen sie Barsch auf ihn ein. - Nun, meine Stunde; Was stört ihr mich denn in der Runde? – Du rufst ja Zwölf! – Weil’s auch so ist. – Mit nichten: ’s hat ja Drei geschlagen; Man merkt, daß du betrunken bist. – Was untersteht ihr euch zu sagen, Ihr Laffen! Zwölf hat es geschlagen.

So zerrt sich hin die Streiterei, Ob zwölf Uhr oder drei es sei. Der Fremde läßt sich nicht bedeuten, Und ob sie gleich mit aller Macht Die Drei ihm auf den Buckel bläuten, Er blieb bei seiner Mitternacht.

So geht es heute manchen Leuten, Die theils nicht wissen, wie viel’s ist, Theils blind im nächtlichen Genist Noch schrein am hellen, lichten Tage, Daß die Gespensterstunde schlage.

Still, still, ihr Herr’n; man glaubt euch nicht: Die Zeit läßt ihren Lauf nicht hemmen. Die Stunde eilt, es kommt das Licht; Ihr werdet euch vergebens stemmen. Bleibt ihr bei eurer Mitternacht, Wollt ihr durchaus den Tag nicht sehen, So wird’s euch wie dem Wächter gehen.

Er wurde weidlich ausgelacht, Und von der Schaar zuletzt ergriffen, Mit ungezählten, derben Püffen Vor einen hohen Rath gebracht, Der vollends nüchtern ihn gemacht.