Versos German Johann Karl Wilhelm Geisheim Die Schildwach am Pulverthurm zu Breslau

German poem

Die Schildwach am Pulverthurm zu Breslau

by (1784–1847)

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Den 21. Juni 1749

Mitternacht ruht auf den Landen, Doch nicht mitternächt’ge Kühle; Schwere, bange Mittagsschwüle Lähmt die in des Schlafes Banden, Schmachtend auf dem heißen Pfühle, Ruhe suchen und nicht fanden. Finstrer Wetter stumme Schrecken Starr die stille Stadt bedecken.

Wie das Unglück auf dem Kummer Lastend ruht, so übermannet Einen Krieger blei’rner Schlummer. Auf der Thorwacht Lager bannet Ihn ein Traum in Angst und Grausen. Leichen sieht er, off’ne Grüfte, Sich als Leiche durch die Lüfte Fliegen unter Wetterbrausen.

Und mit lautem Schrei erwacht er, Andre Schläfer jach erweckend, Seinen wachen Freund’ erschreckend, Bebend, schaudernd, als die Nacht er Sieht von drohenden Gewittern Rings umhüllt in tiefer Trauer, Fernes Wetterleuchten zittern, Fühlt der schwülen Stille Schauer;

Hört in seinem Herzenssturme, Fiebernd in ohnmächt’gem Zagen: Bald nun soll die Stunde schlagen, Die ihn ruft zum Pulverthurme, Als die Schildwach nächster Stunde; Hört’s, als wenn ihm Todeskunde Die Begräbnißglocke schlüge, Ihn die Nacht zu Grabe trüge.

Feigling schilt er sich vergebens, Wird nicht mächtig seines Bebens; Wankend, bis zum Niederfallen, Sinkt er in des Freundes Arme: Fühle meines Blutes Wallen! Soll ich Schildwach eben stehen, Muß ich sterben! Freund, erbarme Meiner dich! Ich kann nicht gehen:

Gehe du zum Pulverthurme, Geh für mich; es gilt mein Leben! Lasse mich dir’s ewig danken! – An des Herzens heft’gem Sturme Fühlt der Freund die Qual des Kranken, Fühlt noch heftiger ihn beben, Als nun eben Eins die Stunde Ruft die Schildwach zu der Runde.

Sei es; spricht der Freund. Ich gehe, Gehe gern. – Mußt dich ermannen, Nicht mehr zagen, nicht mehr beben, Wenn ich, Freund, dich in dem Leben Nach dem Wetter wiedersehe! – Nimmt’s Gewehr, und zieht von dannen, Wohlgemuth zum nahen Sturme, Stehet Schildwach an dem Thurme.

Nacht doch sinkt nun dunkelnder, Blitze kreuzen funkelnder; Näher, drohender die trägen Schweren Lüfte sich bewegen; Grasser krächzen von dem Sturme Wetterfahnen auf dem Thurme: Wilder Blitze Flammengluthen Schrecken auch den Wohlgemuthen.

Und als flammten alle Flammen Plötzlich in ein Ziel zusammen, Stürzet aus dem Sturmgetümmel, Aus dem Pfuhl der Schwefeldüfte, Aus der Blitze Strahlgewimmel Einer in des Pulvers Klüfte, Reißt den Thurm in alle Lüfte, Und ein Ätna kracht gen Himmel.

Wie zum jüngsten Tag’ erwachen Vom gewitterschweren, tiefen, Kaum errungnen, bangen Schlummer Bei dem nie gehörten Krachen In des Herzens Angst und Kummer, All’, die nicht dem Herrn entschliefen. Betend seufzet Schmerz und Klage, Furcht und Beben nach dem Tage.

Und er kommt mit grausem Schauer; Trümmer decken Häuserreihen, Hundert Menschenleichen weihen Die da leben all’ in Trauer, Dem nie also offnen Grabe. Der Verwundeten fast tausend Denken dieses Tages grausend; Schutt begräbt die reichste Habe.

Unter Trümmern, unter Leichen, Ruhelos auf allen Wegen, Ach, mit bänger’n Herzensschlägen, Nicht den Qualen zu vergleichen, Die sein Angsttraum ihm bereitet, Sucht der Freund den Freund in Schmerzen, Und, des Traumes Bild im Herzen Ihn hinaus zur Aue leitet.

In vom Thurme fernem Raume, Fortgeschleudert, unterm Schatten Einer hohen, edlen Eiche, Ward, wie er im Todestraume Sie gesehn, auf grünen Matten Hingestreckt die theure Leiche, Graus von der Zerschmett’rung Wunden, Jammerweckend aufgefunden.

Alle Todten sind begraben; Fleiß und frommer Glaube gaben Trost und Muth; doch dem das Leben Hat des Freundes Tod gegeben, Er, nie froh, daß er es habe, Fand des Herzens Ruhe nimmer, Wandernd in dem Grau’n der Trümmer, Gram- und leidvoll bis zum Grabe.