Versos German Johannes Proelß Der alte Birnbaum

German poem

Der alte Birnbaum

by (1853–1911)

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Es wächst die Stadt, ihr Wuchs verschlingt Die grüne Welt, die sie umringt.

Wo, seit am Fluß der Ort entstand, Ein Obstwald schirmte Wiesenland, Im Lenz von Blüten übergossen — Wo vor den Thoren sonst die Saat Gekeimt, gegrünt, gereift zur Mahd, Wo Tannenwald das Feld umschlossen — Da drängte sich die Stadt hinaus, Ließ Straßen wachsen, Haus an Haus. Und wo sonst Gärten Geißblattlauben Mit ihrer Büsche Grün umhegt, Wo am Spalier vorm Haus die Trauben Des Hausherrn treue Hand gepflegt, Der fern vom Stadtlärm drin die Sorgen Des Amts in sanfter Ruh’ verschlief, Bis heller Amselgruß am Morgen Hervor ihn zu den Blumen rief — Da wütet mörderisch das Eisen, Den Schmuck dem Boden zu entreißen, Die Sträucher, Bäume hinzuraffen: Für Steinkolosse Platz zu schaffen. Ein Haus tritt auf des andern Saum, Da bleibt für keinen Garten Raum!

Es wächst die Stadt, ihr Wuchs verschlingt Die grüne Welt, die sie umringt.

Jetzt, wenn der Lenz mit Blütenduft Uns auf zur Daseinsfreude ruft, Da heißt es, lange Straßenzeilen Auf hartem Pflaster zu durcheilen, Bis uns bewillkommt Wiesengrün, Auf Baum und Strauch das lichte Blüh’n. Doch siehe — dort, wo jenen hohen Gebäuden, die schon unter Dach, Im Bau begriffen, noch in rohen Gerüsten, andre wachsen nach, Da grüßt der Rest von einem Garten, Da ragt in stolzem Blütenflor, Mit Aesten, schmuck wie Feststandarten, Ein alter Birnbaum hoch empor. Ein letztes Mal sich zu entfalten In Lenzespracht war ihm gewährt, Bald wird auch ihn die Axt zerspalten — Bevor den Blüten Frucht beschert! Der Abendsonne gold’ne Gluten Umweben ihn mit lichtem Schein, Es hüllen seines Duftes Fluten Ihn sanft in Lenzesträume ein.

Noch steht die Bank, auf der sein Schatten So manchen Müden schon gekühlt, Auf der am Abend Kinder, Gatten In seinem Duft sich wohlgefühlt.

Und sieh, zum Sitz, dem morschen, kommen Zwei alte Leute, Arm in Arm — Was mag der Gang dem Pärchen frommen? Sie blicken traurig und voll Harm, Indes sie Platz am Baume nehmen, Der bebend seine Zweige wiegt, Als schau’re ihn vor einem Schemen, Der drohend ihm vorüberfliegt.

Es wächst die Stadt, ihr Wuchs verschlingt Die grüne Welt, die sie umringt.

Das m[uß] ein liebeselig Wandern Hinaus [z]um altvertrauten Ort, Ein jed[e]r sah verklärt im andern Des kü[n]ft’gen Glückes sich’ren Hort! Doch al[s] sie kamen her zur Stelle, Da zäu[n]ten Hecken ein den Baum, Und ne[b]en ihm da grüßte helle Ein tr[au]lich Häuschen aus dem Raum. Die Th[ü]r des Gartens fand sich offen, Der W[e]g zum Freunde dicht umrankt, Dort h[a]ben sie ihr höchstes Hoffen Ihm a[n]vertraut und ihm gedankt! Und auch das Paar ergreift ein Schauern, Ein Vorgefühl vom jähen Tod, Der hier inmitten Grabesmauern Dem Baume über ihnen droht. Dem Baum, der ihnen Freund gewesen Soweit all ihr Erinnern reicht, Dess’ Gruß stets aufgefrischt ihr Wesen, Auch dann, da längst ihr Haar gebleicht …

Als einst um ihre Stirnen flogen Die Kinderlocken, blond und braun, Sind hier zum Spielplatz sie gezogen Durch offne weite Wiesenau’n; In seiner Zweige dichter Krone Da war ihr herrlichstes Asyl, Dort brach er Früchte ihr zum Lohne Für ihre Treu’ im kind’schen Spiel … In seines Laubes trautem Schatten Ward dann der erste Kuß getauscht, Hat sie als Braut des künft’gen Gatten Begeist’rungsworten froh gelauscht. Und als die lange dann Getrennten Voll Hochzeitsglück sich wiedersah’n, War’s ihnen, als müßt’ Segen spenden Der Baum für ihre Lebensbahn …

Als sie sich dann zum Rückweg wandten Und an dem Häuschen hing ihr Blick, Mit seinen Giebeln und Veranden Ein lauschig Nest für stilles Glück — Als eben sich, noch frei vom Neide, Der Wunsch in ihrer Brust geregt: O, könnten hausen doch wir beide Bald auch so traut, so grünumhegt! — Da durften sie — o frohes Staunen! — Erkennen, daß das Häuschen frei, Und von den Zweigen klang ein Raunen: Eilt, daß es euer eigen sei!

Nun ganz und gar ward zum Genossen Des eignen Lebens, frisch und jung, Der starke Baum — sein Grünen, Sprossen Gab ihren Kräften Trieb und Schwung. Und wenn er bot aus falbem Laube Der goldnen Früchte Herrlichkeit, Wie regte mächtig sich ihr Glaube An ihres Fleißes Erntezeit. Wenn aber gar in seine Aeste Beim frohgestimmten Kindtaufsfeste Hinauf das Hoch des Vaters scholl, Da gab’s ein Rauschen in den Zweigen — Er segnete mit sanftem Neigen Den kleinen Paten liebevoll!

Die Alten unterm Birnbaum plaudern, Längst sind vom Kummer sie befreit, Längst wich der Todesahnung Schaudern Lichtbildern der Vergangenheit. Der Duft des todgeweihten Baumes Bezaubert ihren Sinn mit Macht, Das Eden ihres Lebenstraumes Ist ganz zur Wirklichkeit erwacht! Das ist ein Leben und ein Weben, Es blüht und duftet um sie her, Sie fühlen sich von Glück umgeben An dieser Stätte, wüst und leer. Sie hören ihre Kinder singen, Und seh’n sie springen hell im Chor, Die kleinen Stimmen jauchzend dringen Zum Vogelsang im Baum empor.

Der Alten Herzen froh sich weiten — Die einst hier klein, jetzt sind sie groß — Was auch vernichtet all die Zeiten, Gesegnet blieb ihr Elternlos! Und mußten sie das Heim auch missen, Das hier nun stolzrem Baue wich — Bei jedem ihrer Kinder wissen Sie traut ein Heim bereitet sich … Da rauscht’s im Baum und weckt die Alten, Der Mond aus Wolkenschleiern tritt — Sie aber ihre Hände falten Und geh’n vom Ort mit festem Schritt. Doch ehe sie ihn ganz verlassen, Da machen sie noch einmal Halt; Die alten Augen zärtlich fassen Des Baumes mächtige Gestalt. Ja — so in lichter Blüten Hülle, Mit seines Wipfels sanftem Weh’n — Wann auch sein Schicksal sich erfülle — So bleibt für sie er fortbesteh’n!

Johannes Proelß.