Versos German Lothar Meggendorfer Die brave Bertha und die böse Lina

German poem

Die brave Bertha und die böse Lina

by (1845–1925)

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Früh Morgens kaum die Sonne lacht, Vom Schlafe Bertha schon erwacht Und hebt, daß Er zur Seit’ ihr steht, Zu Gott die Hände im Gebet. Die Lina aber keinen Tag Zur rechten Zeit erwachen mag. Wenn and’re längst zur Schule geh’n, Pflegt sie sich nochmals umzudreh’n. Zur Arbeit aufgelegt schon früh, Scheut Bertha keine Plag’ und Müh’; Sie holet, was zum Frühstück not – Die süße Milch, das frische Brot. Die Lina in der Speisekammer Macht ihren Eltern großen Jammer; Statt daß sie schafft das Frühstück her, Trinkt sie den ganzen Rahmtopf leer. Den lieben, guten Vögelein Bringt Bertha Wasser frisch und rein, Und wo sie waltet ihrer Pflicht, Fehlt’s auch an gutem Futter nicht. Der bösen Lina macht’s Plaisir, Zu ängstigen das arme Tier; Kommt mit dem Besen sie heran, Flieh’n Gans und Taube, Huhn und Hahn! Wie fleißig schreibet Bertha hier Mit Tint’ und Feder aufs Papier Und nimmt gar sorglich sich in Acht, Daß ja sie keinen Fehler macht. Dagegen schaut die Lina an. Was hat das böse Kind gethan? Sie wirft in ihrem Übermut Das teure Lernzeug in die Flut! Es ist gewiß recht mühevoll So abzuhaspeln Garn und Woll’, Allein die brave Bertha thut, Was man ihr aufträgt, gern und gut. Doch hier die böse Lina, seht Wie sinnlos die zu Werke geht, Sie schneidet, nur aus Tändelei, Den Vorhang mit der Scheer’ entzwei. In Feld und Garten emsiglich Macht gern die Bertha nützlich sich. Sie gießt und recht, die liebe Maus, Und jätet alles Unkraut aus. Die Lina aber rührt die Hand Nur wenn sie was zum Naschen fand. Sie klettert auf den Kirschbaumast, Treibt’s frecher als die Spatzen fast. Im Herbst, wenn’s stürmt und regnet drauß’ Da spielt die Bertha brav zu Haus Und lehrt dem Schwesterl manchen Spruch Aus einem schönen Bilderbuch. Die böse Lina – o wie dumm! Treibt sich im Regen gern herum, Und patscht, als müßt’ es eben sein, In alle Pfützen tief hinein. Und wenn der Schnee im Winter liegt, Die Bertha wie ein Rößlein fliegt, Fährt mit dem Schlitten querfeldein Ihr liebes, kleines Schwesterlein. Die Lina aber freut sich d’ran, Wenn sie es irgend machen kann, Daß tüchtig hinschlägt auf dem Eis Ihr Brüderlein – sie thut’s mit Fleiß. Doch sehet, wenn das Christkind kommt, Wozu das Bös- und Bravsein frommt! Der Bertha, die des Lobes wert, Wird hundertfaches Glück beschert. Die böse Lina, frosterstarrt, In ihrer Kammer harrt und harrt Umsonst auf Tannenbaum und Licht, Das liebe Christkind kommt halt nicht!