Versos German Ludwig Fulda Aladdin und die Wunderlampe — 10 (Nach Tische ward an Aladdin)

German poem

Aladdin und die Wunderlampe — 10 (Nach Tische ward an Aladdin)

by (1862–1939)

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Nach Tische ward an Aladdin Vom Sultan väterlich die Frage Gerichtet, ob es ihm behage, Sogleich die Hochzeit zu vollziehn. Er gab zur Antwort: "Herr, du weißt, Wie sehr ich nach dem Glück verlange, Das die Prinzessin mir verheißt. Jedoch damit ich ihrem Range Gemäß an unserm Hochzeitstag Sogleich in tadellosen Räumen Ein neues Heim ihr bieten mag, Laß noch für kurze Zeit mich säumen. Ein Schloß, versehn mit jeder Zier, Will ich errichten. Weise mir Drum einen angemessnen Bauplatz." Der Sultan drauf: "Mein Sohn, du hast Die Auswahl. Hier vor dem Palast Liegt, wie du siehst, ein leerer Schauplatz, Wo für dein Schloß genügend Raum. Nur laß es möglichst rasch erbauen; Denn, glaube mir, ich kann es kaum Erwarten, euch vermählt zu schauen." Nach dem Gelöbnis, daß er sicher Den Bau nach Kräften fördern werde, Nahm Aladdin mit feierlicher Umarmung Abschied, stieg zu Pferde Und trabte durch die gleichen Gassen Mit dem Gefolg zurück nach Haus, Umbrandet wieder von den Massen Des Volks mit lautem Jubelbraus.

Daheim kaum angelangt, beschwor Den Geist er abermals und sagte: "Schon dein bisherig Wirken ragte Durch Kraft und Schnelligkeit hervor. Doch zu dem ungemeinen Werke, Das jetzt mir unentbehrlich ist, Bedarf ich deiner ganzen Stärke. Du sollst in möglichst kurzer Frist Grad gegenüber vom Palaste Des Sultans mir ein stolzes Schloß Errichten, das vom Erdgeschoß Bis zu des Daches Flaggenmaste Der Sultanstochter, meiner Frau, Trotz ihrem sehr verwöhnten Auge Zur künftigen Behausung tauge. Welch ein Gestein du für den Bau Verwenden willst, ob Marmorquadern, Schneeweiß mit feinen schwarzen Adern, Ob Jaspis, ob Achat, Lasur, Das stell' ich ganz in dein Ermessen; Doch sollst du—dies beding' ich nur— Nicht einen großen Saal vergessen Im obern Stockwerk, der bekrönt Von einer Kuppel, an den Wänden Durch Gold und Silber sei verschönt. Auch soll, um hellstes Licht zu spenden, Er vierundzwanzig Fenster zählen; Die Rahmen seien alabastern, Das Gitter sollst du mit Juwelen Von unerreichtem Glanz bepflastern. An einem wohlverwahrten Platz Befinde ferner sich ein Schatz Gemünzten Goldes aufgespeichert, Der für mein Lebtag mich bereichert. Auch will ich, daß man eine Flucht Von Küchen trifft am rechten Orte, Nebst Vorratskammern jeder Sorte, Und Ställe voll von edler Zucht. Ingleichen soll das Lustschloß innen Bevölkert sein mit einem Heer Von Dienern und von Dienerinnen.— Das alles schaff' mir nach Begehr, Und wenn du fertig bist, komm wieder."

Als er dem Geiste dies gebot, Sank abendlich die Sonne nieder. Am andern Tag ums Morgenrot Erschien der Geist an seinem Bette: "Vollendet ist, was du bestellt; Schau," sprach er, "ob es dir gefällt." Er trug darauf ihn an die Stätte. Wie sehr war Aladdin verwundert! Da stand, erbaut in einer Nacht, Ein Schloß, wie noch kein halb Jahrhundert Voll Menschenarbeit es vollbracht. Er glaubte wahrlich nur zu träumen, Als ihn der Geist in allen Räumen Herumgeleitete. Da war Sein Auftrag Punkt für Punkt vollzogen, Bei weitem überholt sogar: Gewölbe, Säulen, Pfeiler, Bogen Von höchster Schönheit, ein Gewimmel Von Dienstbeflissnen überall; An Silberkrippen in dem Stall Die schönsten Rappen, Füchse, Schimmel; Mundvorrat jeder Art, nicht sparsam In Küch' und Kammern schon verfacht; Der Schatz in sicherem Gewahrsam, Von einem Schließer treu bewacht, Mit Gold gefüllte Riesensäcke, Gehäuft, getürmt bis an die Decke.

Nachdem sich Aladdin das Ganze Von Grund aus angesehn, zumal Auch noch den großen Kuppelsaal, Sprach er, geblendet von dem Glanze, zum Geist: "Ich muß dir Beifall zollen; Befriedigt wurde musterhaft Von dir mein Wünschen und mein Wollen. Nun sei nur noch herbeigeschafft Ein langer Teppich aus Damast, Von feenhaftem Farbenschimmer; Du sollst, befehl' ich, vom Palast Des Sultans ihn bis an die Zimmer Der Herrin dieses Schlosses breiten. Ihn soll auf ihrer Wanderung Ins neue Heim ihr Fuß beschreiten." Der Geist entfernte sich im Schwung, Und eh' sich's Aladdin versah, Lag der damastne Teppich da. Der Geist kam wieder ohne Rast Und trug nach Haus ihn unverdrossen, Grad als die Pforten am Palast Des Sultans wurden aufgeschlossen.

Die Pförtner wunderten sich sehr, Als drüben, dicht vor ihren Nasen, Wo gestern noch die Stätte leer Und nur bewachsen war mit Rasen, Ein Wunderbauwerk hoch und hehr Sie ragen sahen in die Lüfte. Die Nachricht schwirrte mit Gesumm Beflügelt im Palast herum; Der Hofstaat machte höchst verblüffte Gesichter, und der Großvezier Lief, als er eine Weile stier Den rätselhaften Spuk beglotzt, zum Sultan hin und sprach entrüstet: "Wer sich mit einem Kunststück brüstet, Das jeglicher Erfahrung trotzt, Der steht im Bund mit Zauberei!" Der Sultan gab zur Antwort: "Ei, Man muß nicht gleich das Schlimmste denken. Was ist denn weiter auch dabei? Ein Mann, der so vermag zu schenken, Den drum mein fürstliches Vertrau'n Erkor zu meiner Tochter Gatten, Der kann sich wohl den Spaß gestatten, Ein Schloß in einer Nacht zu bau'n. Er gibt als reichster Mann der Welt Uns nur ein augenfällig Zeichen, Daß man mit sehr viel barem Geld So ziemlich alles kann erreichen. Der Bau dort stammt aus goldnen Quellen, Und wenn du trachtest, ihn als Frucht Von Zauberkünsten hinzustellen, So spricht aus dir die Eifersucht."—

Zur Stunde, da sich so die beiden Besprachen, war in ihrem Haus Die Mutter Aladdins drauf aus, Mit jenem Staat sich zu bekleiden, Den ihr die Sklavinnen gespendet, Und ließ, nachdem durch deren Walten Ihr Putz in Bälde war vollendet, Von ihnen sich die Schleppe halten Auf ihrem Wege zum Palast. Auch Aladdin, im Vaterhause zum allerletztenmal zu Gast, Brach auf nach kurzer Ruhepause. Die vielbewährte Wunderlampe Nahm er dabei wohlweislich mit, Bestieg sein flinkes Pferd und ritt Gradaus zu seines Schlosses Rampe.

Der feierliche Freudenklang Von Trommeln, Pfeifen und Trompeten Erscholl der Mutter zum Empfang. Von des Palastes Zinnen wehten Im Winde fröhlich bunte Fahnen; Aus Schalen strömte Balsamduft; Der Hofstaat stand auf den Altanen Und schwenkte Tücher durch die Luft. Die Stadt ward neuerdings geschmückt Mit Laubwerk, Teppichen und Lichtern; Viel deutlicher war den Gesichtern Des Frohsinns Stempel aufgedrückt Als beim gestörten Hochzeitsfeste Von damals. Die verdutzte Schar Des Volks erblickte zwei Paläste, Wo tags zuvor nur einer war; Zumal bestaunten sie den neuen, Und laut bekannte jedermann, Er müsse den Vergleich nicht scheuen, Ja, steh' dem alten weit voran.

Inzwischen ward, weil sich der Freier Ausdrücklich hatte vorbehalten, In seinem eignen Schloß die Feier Der Hochzeit glänzend zu gestalten, Vom Sultan öffentlich erklärt, Daß gültig nun zu Recht bestehe Prinzessin Bedrulbudurs Ehe Mit dem Gemahl, der ihrer wert, Und dem sein Vaterherz gewogen; Auch wurde der Vertrag vollzogen Mit hergebrachter Förmlichkeit. Dann leerten einen Freudenbecher Die Mutter und der Fürst zuzweit. Er selber gab ihr das Geleit In der Prinzessin Wohngemächer. Dort kam in ihrem reichen Schmuck Und ihrer Schönheit holdem Prangen Die Braut entgegen ihr gegangen Mit einem warmen Händedruck Und einem Kuß auf ihre Wangen. Sie nahm, bereit zur Überführung In ihres Ehegatten Schloß, Vom Vater Abschied. Beiden floß Ein Tränenstrom herab vor Rührung. Und als der Sonne letztes Blinken Gewichen war dem Dämmerschein, Da formte sich der Zug. Zur Linken Schritt ihr die Mutter, hinterdrein Die Sklavinnen und Zofen all, Voran ein Trupp von Musikanten Mit schmetterndem Posaunenschall, Zuletzt unzählige Trabanten, Lakaien, Pfeifer, Paukenschläger Und Knappen, die als Fackelträger Dem Zuge Licht zu spenden hatten. So schwebte die Gebieterin Auf dem damastnen Teppich hin Zum kerzenhellen Schloß des Gatten, Und all das heitre Volksgewimmel Entsandte wie aus einem Mund Gebet und Segenswunsch zum Himmel Für ihren jungen Ehebund.