Versos German Ludwig Fulda Aladdin und die Wunderlampe — 15 (Der Sultan, der bis jetzt…)

German poem

Aladdin und die Wunderlampe — 15 (Der Sultan, der bis jetzt…)

by (1862–1939)

Listen in the reader

Der Sultan, der bis jetzt unendlich Um seine Tochter sich gegrämt, War vor Verwundrung wie gelähmt Als morgens breit und gegenständlich, Zurückgekehrt zum alten Platz Das Schloß zu ihm herübergrüßte. Der Anblick bot ihm für verbüßte Betrübnis reichlichen Ersatz. Er ließ ein Pferd sich satteln, trabte Zum Schloß, verfügte sich geschwind Zu seinem lang entbehrten Kind Und ihre Zärtlichkeit erlabte Sein Vaterherz. Dann wollt' er wissen, Welch unglückselige Verkettung Sie damals plötzlich ihm entrissen, Und welchem Umstand ihre Rettung Zu danken sei. Mit knappen Strichen Erzählte sie vom fürchterlichen Schwarzkünstler, der durch Zaubermacht Sie mit dem Schloß entführt bei Nacht; Wie von dem Schändlichen bedrückt Sie schon geglaubt, ihm zu erliegen, Bis ihrem Gatten es geglückt, List gegen List ihm obzusiegen.

Ihr Vater war damit zufrieden, Und als nunmehr auch Aladdin Ins Zimmer kam, da zog er ihn An seine Brust und sprach: "Hienieden Ist man dem Irrtum ausgesetzt. Vergib mir, wenn aus Übereilung, Mein Sohn, ich blindlings dich verletzt. Du brachtest meinen Schmerzen Heilung, Indem du mir mein Kind befreit Und sie behütet hast vor Schande; Dies dank' ich dir für alle Zeit."— Gefeiert ward im ganzen Lande Die Wiederkehr des jungen Paars. Ihr Glück verdüsterte kein Schatten. Doch nicht die letzte Prüfung war's, Die beide zu bestehen hatten.

Der Zaubrer nämlich, der ein Leben Von großer Zähigkeit besaß, War durch das Pulver, als dem Fraß Der Geier man ihn übergeben, In Wahrheit nur betäubt gewesen, Von seinem Scheintod aufgewacht Am nächsten Tag und bald genesen. Er schwor, von Racheglut entfacht Und vollgepfropft mit Gift und Geifer, Er wolle vor Vergeltungseifer Nicht rasten fürder und nicht rosten, Und drum begann zum drittenmal Er schleunigst über Berg und Tal Die Reise nach dem fernen Osten.

Nach einem ganzen Wanderjahr Voll Mühe, Drangsal und Gefahr Kaum in der Hauptstadt angekommen, War er nach einem neuen Kniff Umschau zu halten im Begriff. Er hörte dort von einer frommen, Betagten Wundertäterin Erzählen, die Fatime hieß Und sich mit schlicht erhabnem Sinn Der stillen Andacht überließ In einer abgeschiednen Klause. Durch Gassen, die man ihm beschrieb, Schlich er zu ihrem kleinen Hause Bei dunkler Nachtzeit wie ein Dieb, Drang in ihr ärmlich Zimmer, weckte Mit rohem Schütteln die Erschreckte, Hielt einen Dolch ihr vor und sprach: "Du sollst entseelt sogleich erblassen, Kommst du nicht meiner Vorschrift nach!" Sie mußt' ihm ihre Kleider lassen Sowie den Schleier und die Haube, Nebst dem geweihten Rosenkranz. Obwohl dem Räuber sie sich ganz Willfährig zeigte, ja, zum Raube Hilfreich sogar die Hand ihm bot, Stach er sie vorsichtshalber tot.

Sodann vor einem Spiegel schor Den Bart sich weg der Halsabschneider, Warf sich in seines Opfers Kleider, Und als die Sonne stieg empor, Trat er verschleiert auf die Gasse. Der eine sprach zum andern: "Schau, Dort geht einher die fromme Frau," Und eine große Menschenmasse Umgab ihn rings voll Dankgefühl Und folgte, Segenswünsche hegend, Ihm nach bis in des Schlosses Gegend.— Als die Prinzessin das Gewühl, Vom Kuppelsaal herunterlugend, Wahrnahm und obendrein erfuhr, Daß all dies bunte Volk der Spur Fatimens folge, deren Tugend Und Heiligkeit ihr längst bekannt Als der Verehrung Gegenstand Und als das Vorbild frommer Sitten, Da dachte sie, daß ihr gezieme, Die Frau zu sich heraufzubitten. Zu der vermeintlichen Fatime Kam eine Botin, sie zu holen. Der Zaubrer, nicht an seinem Sieg Mehr zweifelnd, schmunzelte verstohlen, Als er mit ihr den Saal erstieg, Und fing, nachdem er ihn betreten, Mit solcher Inbrunst an zu beten, Daß die Prinzessin sich verneigte Voll Ehrerbietung. Da der Schlimme Sie ansprach mit verstellter Stimme, Sowie nur hinter Schleiern zeigte Sein glattgeschorenes Gesicht, Erkannt' ihn Bedrulbudur nicht Und sprach "Laß mich die Gunst begehren, Fatime, daß du dauernd weilst An unserm Herd und gute Lehren Zu frommem Wandel mir erteilst." Der abgefeimte Tückebold Erklärte gern sich einverstanden; Das war es ja, was er gewollt! "Ein stilles Zimmer ist vorhanden Im Schloß," fuhr die Prinzessin fort In ihrer gläubigen Betonung, "Und deiner Andacht wirst du dort Obliegen können ohne Störung. Erst aber mögest du mir ehrlich Gestehn, wie dir das Schloß gefällt." Der Zaubrer gab zur Antwort. "Schwerlich Ist seinesgleichen auf der Welt; Und dennoch, trotz der Raumverschwendung Und dem Geschmack der Farbenwahl, Bedrückt mich, daß in diesem Saal Noch etwas mangelt zur Vollendung." "Was ist es?" Scheinbar auf ihr Drängen Erwiderte der Schuft: "Verzeih', Von dieser Kuppel müßt' ein Ei Des Vogels Roch herunterhängen." Sie fragte, wo man das wohl fände. Der Zaubrer drauf: "Gewaltig groß Ist dieser Roch und nistet bloß Auf Spitzen schroffer Bergeswände." Sie dankte für den Rat und führte Die falsche Heilige, noch immer Nichtsahnend, selber auf ihr Zimmer.

Zum Saal zurückgekehrt, verspürte Nun die Prinzessin, an der Angel Des Zaubrers haftend, jenen Mangel, Den nie zuvor sie wahrgenommen.— Als Aladdin von einem Ritt Heimkommend ihr entgegenschritt, War sie so wunderlich beklommen, Daß er sie fragte nach dem Grund. Sie mußt' ihm ihr Gelüst enthüllen, Und er, sobald ihr Wunsch ihm kund, Gab ihr sein Wort, ihn zu erfüllen. Er ging alsbald in sein Gemach Und rieb sie Lampe, die verschlossen Jetzt stand in einem sichren Fach. Nachdem der Geist emporgeschossen, Sprach er: "Dich wiederum zu sputen, Befehl' ich dir. Es fehlt uns noch Im Saal ein Ei des Vogels Roch. Verschaff mir's binnen drei Minuten!"

Kaum war das Wort entflohn, da fing Der Geist so furchtbar an zu dröhnen, Zu schrei'n, zu wimmern und zu stöhnen, Daß Hören ihm und Sehn verging Und zitternd er zu Boden sank. "Elender," brüllte mit Gepolter Der Riese, "spannst du mich zum Dank Für meinen Frondienst auf die Folter? Befiehlt, ich soll auf meinen Schwingen Als Deckenschmuck für seinen Saal Dir meinen eignen Vater bringen? Sei froh, wenn nicht mein Donnerstrahl Dich und dein Schloß in Asche wandelt. Ich weiß zu deinem Glück, du hast Nicht aus dir selber so gehandelt. Dein Todfeind weilt bei dir zu Gast. Er ward nicht von dir umgebracht, Nein, kam ins Land, um sich zu rächen, Ergatterte durch ein Verbrechen Der heiligen Fatime Tracht, Und deine Frau, von ihm umgarnt, Trieb zu dem schändlichen Befehle Dich arglos an. Drum sei gewarnt; Er will dir meuchlings an die Kehle." Sprach's und verschwand. Sofort verfügte Sich Aladdin zurück zum Saal, Wo seine Gattin sich vergnügte Mit einem Ballspiel, und befahl, Man mög' ihm gleich Fatime holen.

"Sei mir gegrüßt!" rief Aladdin, Als der vermummte Feind erschien; "Denn warm hat man dich mir empfohlen. Gib, fromme Frau, mir deinen Segen." Der Zaubrer kam ihm sacht entgegen, Und er bemerkte, wie der Strolch Ein Messer unter seinem Kleide Heimlich herauszog aus der Scheide. Schnell griff er seinen eignen Dolch Und bohrte dessen scharfes Erz Dem Schurken mitten in das Herz. Von seinem Blute ward im Saal Der Boden ringsumher gerötet.

"Weh, was begingst du, mein Gemahl? Du hast die Heilige getötet!" Schrie Bedrulbudur sich verfärbend. Er aber sprach voll Seelenruh': "Nein, liebe Gattin, komm herzu! Hätt' ich gesäumt, so läge sterbend Ich selber hier; denn dieser Tote Bekam den Lohn, der ihm gebührt: Erkenn' ihn, der dich einst entführt Und jetzt mit Meuchelmord mir drohte."

So hatte glücklich unser Held Sich des Verfolgers nun entledigt, Der ihm beharrlich nachgestellt, Und ward vom Schicksal reich entschädigt Für allen ausgestandnen Harm. In der geliebten Tochter Arm Entschlief im hohen Greisenalter Der Sultan, und sein Schwiegersohn Mit seiner Frau stieg als Verwalter Des weiten Reiches auf den Thron. Sie herrschten als beglückte Leute, Umringt von Kind und Kindeskind, Und wenn sie nicht gestorben sind, So leben sie gewiß noch heute.