German poem
Aladdin und die Wunderlampe — 5 (Am Morgen drauf--am Spinnrad schon)
by Ludwig Fulda (1862–1939)
Am Morgen drauf—am Spinnrad schon Saß die besorgte Frau voll trüber Gedanken—trat herein ihr Sohn Und setzte sich ihr gegenüber. "Ach, Mutter," hob er an, "vergib Mir nur mein gestriges Betragen; Verzeih' mir, daß auf deine Fragen Ich dir die Antwort schuldig blieb. Doch wenn du mir's mit Recht verübelt, Heut will ich offen dir gestehn: Ich kann, so viel ich nachgegrübelt, Nicht fassen, was mit mir geschehn. Ich bin nicht krank, und dennoch lieber Hätt' ich den ärgsten Schmerz gefühlt Als dieses rätselhafte Fieber, Das mir im Innern tobt und wühlt. Mit Namen weiß ich's nicht zu nennen Und weiß auch nicht, wie man's behebt; Du aber wirst's gewiß erkennen, Wenn du vernimmst, was ich erlebt." Drauf gab er ihr genaue Kunde, Wie gestern bei dem Badegang Der Sultanstochter ihm gelang, Ihr Antlitz aus dem Hintergrunde Befreit vom Schleier zu erblicken, Und wie dies Bild seit jener Stunde Sein herz an unsichtbaren Stricken Hinziehe zu der schönen Fee. "Kurzum", so schloß er seine Schildrung, "Kein Zweifel, für mein tödlich Weh Gibt's keine Hilfe, keine Mildrung, Es wäre denn, daß unverweilt Sie selbst, jawohl, sie selbst mich heilt Von allen Nöten und Beschwerden; Gefaßt somit ist mein Entschluß: Prinzessin Bedrulbudur muß Auf immerdar die Meine werden!"
Die Mutter, die von ihrem Spinnen Ablassend eifrig zugehört, Rief lachend aus: "Bist du von Sinnen? Ja, bist so völlig du betört? An solch unmögliches Beginnen Denkt nur ein ausgemachter Narr." "Nein, Mutter," sprach er, "nein, du irrst; Zwar wußt' ich, daß du lachen wirst; Doch mein Entschluß ist fest und starr. Und ob du zehnmal sagst, entglitten Sei mir mein sämtlicher Verstand, Es bleibt dabei, den Sultan bitten Will ich um seiner Tochter Hand."
"Mein Sohn," begann die Mutter ernst, "Damit du recht erwägen lernst, Wie kindisch deine Reden sind, Antworte mir: Wer soll es wagen Ihm diese Bitte vorzutragen?" "Du selbst!" rief Aladdin geschwind. "Ich? Gott behüte mich davor! Schon der Gedanke macht mich beben! Wie dürftest du dein Aug' erheben Zu einem Sultanskind empor? Hast du vergessen, daß ein Schneider Bescheidnen Rangs dein Vater war, All deine Ahnen Hungerleider? Und ist, so frag' ich, nicht sogar Für unsres Herrschers Schwiegersohn Ein Prinz noch von zu niedrem Stande, Falls er in seinem Heimatlande Nicht Aussicht hat auf einen Thron?"
Sie predigte nur tauben Ohren. "Nenn's Wahnwitz, nenn' es Eigensinn; Ich hab' es mir einmal geschworen, Und nichts erschüttert mich darin. Solange mich des Himmels Bau Nicht krachend unter seinen Lasten Begräbt, werd' ich nicht ruhn und rasten, Bis die Prinzessin meine Frau. Ja, wenn du mich nicht elend sterben Willst sehn bereits am heut'gen Tag, Dann mußt du, kost' es, was es mag, In meinem Namen um sie werben."
Die Mutter wurde höchst verlegen. Ihn zum Verzicht auf seinen Plan Durch Überredung zu bewegen, Schien hoffnungslos bei solchem Wahn. Nochmals versuchte sie's mit Güte: "Gott weiß, daß für mein armes Teil Ich allezeit mich um dein Heil Mit meiner ganzen Kraft bemühte. Für dich vollbrächt' ich schlimmsten Falles Die schwerste Tat aus eignem Trieb; Denn wahrlich, ihrem Kind zulieb Tut eine Mutter freudig alles. Ja, wenn ein Mädchen dir gefiele, zu vornehm weder noch zu reich, Nicht säumen würd' ich, sondern gleich Dir ebnen deinen Weg zum Ziele, In deinem Namen um sie frei'n Und meinen Segen dir verleihn. Doch nimm nur an von ungefähr, Daß ich dir deinen Willen täte, Verwegen vor den Sultan träte Mit solchem frevelnden Begehr— Würd' überhaupt ich vorgelassen? Würd' augenblicklich nach Gebühr Nicht einer mich beim Arme fassen Und mich befördern vor die Tür? Nimm aber an, daß mir's gelänge, Durch all der Bittenden Gedränge Dem Sultan selber mich zu nah'n, Und er, der gnädig ist für jeden, Wär's auch sein letzter Untertan, Gestattete mir frei zu reden— Wie dann begründ' ich dein Gesuch? Welch ein Verdienst ist dir zu eigen? Kann ich auf deinen Namen zeigen In irgendeinem Ehrenbuch? Kannst du durch eine seltne Leistung, Durch eine vielgerühmte Kunst Nachsicht verschaffen der Erdreistung, zu flehn um diese höchste Gunst? Und sei noch dessen eingedenk, Daß man vorm Sultan darf erscheinen Nicht ohne kostbares Geschenk. Du selber wirst wohl kaum vermeinen, Es finde sich in deiner Habe Ein Kleinod von so hehrem Glanz, Daß ich es bieten könnt' als Gabe Dem größten Herrn des Morgenlands." "Ei, grade wenn ich dies bedenke," Versetzte ruhig Aladdin, "Dann wird mir neuer Mut verliehn. Ich hätte nichts, was zum Geschenke Für einen Sultan gut genug? Entsinn' dich doch der hübschen Sachen, Die dazumal ich bei mir trug, Als ich der Höhle finstrem Rachen Entronnen war mit heiler Haut, Und die mein Mangel an Erfahrung Für bunte Gläser angeschaut. Längst aber ward mir Offenbarung; Lernt' ich doch von den Juwelieren Den Unterschied von falsch und echt. Juwelen sind es, nicht zu schlecht, Um eine Krone zu verzieren Durch auserlesne Farb' und Art. Die werden, kann ich dir versprechen, Dem Sultan, wenn er sie gewahrt, Gewaltig in die Augen stechen, Sodaß er überfließt von Gnade."
Die Zauberfrüchte kurz und gut Nahm insgesamt er aus der Lade, Worin bis heute sie geruht, Und ordnete sie mit Bedacht In einer schönen alten Vase, Die seiner Mutter eine Base Einst zum Geburtstag überbracht. Ja freilich, von gemeinem Glase Kam dieses lautre Feuer nicht, Das nun mit stärkerem Gefunkel Sie blendete bei Tageslicht Als in des Abends halbem Dunkel.
Nachdem an dem erhabnen Schimmer Die beiden lange sich geletzt, Nahm Aladdin das Wort. "Was jetzt? Sag', Mutter, zweifelst du noch immer, Daß mein Geschenk der Sultan schätzt? Du wirst, so wett' ich, im Palast Mit dieser Gabe gut empfangen. Sprich, welchen Einwand du noch hast, Um mir zu weigern mein Verlangen?"
Zwar konnt' er sie nicht überzeugen; Doch weil er wild und wilder bat, So wußte sie sich keinen Rat Als widerstrebend sich zu beugen. "Wohlan, mein Sohn, weil du's verlangst, Will ich das Wagnis auf mich nehmen, Will trotzend meiner Herzensangst Mich zu dem schweren Gang bequemen. Nur gib nicht mir die Schuld, wenn später Daraus entquillt ein Unglücksborn, Und wenn uns in gerechtem Zorn Der Fürst bestraft als Missetäter." "Warum denn gleich das Ärgste glauben?" Erwiderte der Sohn ihr heiter. "Und sollt' er wirklich zürnend schnauben, Dann hilft gewiß mein Glück mir weiter. Die Lampe, die nun schon seit Jahren Auf Wunsch uns üppig tränkt und speist, Wird mir auch künftig in Gefahren Als Beistand senden ihren Geist."
So wußt' er überaus gewandt Auch ihren letzten Widerstand Mit Gründen aller Art zu brechen, Und sie erklärte sich bereit, Beim Sultan morgen vorzusprechen, Wenn's im Bereich der Möglichkeit.
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