Versos German Ludwig Fulda Aladdin und die Wunderlampe — 6 (Vor lauter Ungeduld erweckte)

German poem

Aladdin und die Wunderlampe — 6 (Vor lauter Ungeduld erweckte)

by (1862–1939)

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Vor lauter Ungeduld erweckte Bereits vor Tag, bei Dämmerschein Der Sohn die Mutter, und sie steckte Sich in ihr Feierkleid hinein. Die Vase, bis zum Rand gefüllt Mit den Juwelen, ward in Linnen Von ihr behutsam eingehüllt; Ein feines weißes Tuch für innen, Ein gröberes als Überzug, Sodaß, nachdem sie die vier Enden Verknotet mit geschickten Händen, Sie das Geschenk als Bündel trug.

Sie machte dergestalt beklommen Nach dem Palast sich auf den Weg, Und grad als dort sie angekommen, Ward aufgetan das Torgeheg'. Erst ging hinein der Großvezier Mit andern hohen Würdenträgern, Lakaien, Reisigen und Jägern; Dahinter drängten, zahllos schier, In dichtem Schwarm sich all die Leute, Die bei des Herrschers Diwan heute Drauf rechneten, der Huld von oben Abzugewinnen einen Strahl. So, gehend halb und halb geschoben, Kam sie zum weiten, lichten Saal, Worin der Diwan ward gehalten. Dort saß der Sultan in Person, Umwogt von seines Purpurs Falten, Ihr gegenüber auf dem Thron, Der Großvezier an seiner Seite, Sodann, gewärtig seines Winks, Ein äußerst stattliches Geleite Von Staatsbeamten rechts und links.

Wer nun der Reihe nach gerufen Herantrat an des Thrones Stufen, Der legte seine Bittschrift nieder, Sprach zur Begründung einen Satz, Erhielt Bescheid und mußt' hinwieder Dem Nächsten räumen seinen Platz. Die Mutter war noch lang' nicht dran; Doch ehe sie sich recht besann, Verstrich des Diwans kurze Stunde. Der Fürst stand auf, entließ die Zahl Der Harrenden und schritt im Bunde Mit seinem Hofstaat aus dem Saal. Der Schwarm verlief sich, und sie ging, Da weiteres Bemühn vergeblich, Nach Haus, wo sie der Sohn erheblich Enttäuscht und mißgestimmt empfing. Sein Unmut blieb ihr nicht verborgen; Doch fühlte sie sich frei von Schuld, Ermahnte sanft ihn zur Geduld Und gab ihr Wort, sie werde morgen Von neuem hingehn.—Welche Qual! Der arme Junge saß auf Kohlen. Denn fruchtlos mußte siebenmal Sie den Versuch noch wiederholen, Stets mit dem nämlichen Verlauf: Sie kam und sah den Sultan thronen, Recht sprechen, warnen und belohnen, Und immer wieder brach er auf, Bevor an ihr die Reihe war. So hätte dort wohl unabwendlich Sie Tag für Tag ein volles Jahr Gewartet, wäre sie nicht endlich Dem Blick des Herrschers aufgefallen, Weil ohne Bittschrift in der Hand Sie stets als hinterste von allen Dem Thron grad gegenüberstand.

Drum, als der Diwan war beendet Am siebten Tag und er sich eben In sein Gemach zurückbegeben, Sprach er zum Großvezier gewendet: "Geraume Zeit bemerk' ich schon, Wie täglich, wenn ich Sitzung halte, Sich gegenüber meinem Thron Erwartend aufstellt eine Alte. Sie trägt was in ein Tuch geschlagen Und steht so bis zum Schlusse still. Kannst du mir künden, was sie will?" "Vermutlich will sie sich beklagen," Erwiderte der Großvezier. "Du weißt ja, Herr, wie häufig Frauen Ein unbedeutend Leid vor dir Mit großem Wortschwall wiederkauen. Vielleicht hat man zu wenig Mehl Ihr auf dem Markte zugewogen, Vielleicht beim Wechseln sie betrogen." Der Sultan gab ihm drauf Befehl, Sie nächstesmal ihm vorzuführen.

Und richtig, tags darauf, sofort Nachdem man aufgetan die Türen, Stand sie beharrlich wieder dort. Der Sultan winkte vor Beginn Der Sitzung, als er sie erblickte, Dem Großvezier, und dieser nickte Zum Obersten der Wache hin. Der gab der Mutter flugs ein Zeichen, Mit ihm zu gehn, gebot sodann Den Vorderen, vor ihr zu weichen, Und brachte sie zum Thron heran. Dort warf sie sich—weil dies gebührend Ihr schien nach allgemeinem Brauch— Vorm Sultan nieder auf den Bauch, Den Boden mit der Stirn berührend. Doch er befahl ihr aufzustehn Und sagte: "Gute Frau, tagtäglich Hab' ich seither dich unbeweglich Dort nah dem Eingang harren sehn. Was ist es, sprich, das du begehrst?"

Sie warf sich nochmals nieder erst Und hauchte, vor Erregung heiser: "Bevor, erhabner Herr und Kaiser, Den Anlaß du von mir erfährt, Der mich bewog zu diesem Schritte, Vernimm die demutsvolle Bitte, Daß mein unglaubliches Verlangen Du gnädig im voraus verzeihst; Denn ich vergehe fast vor Bangen. Erscheint ja doch mein Unterfangen Sogar mir selber allzu dreist."

Der Sultan, um ihr Mut zu machen, Ließ augenblicks den ganzen Hauf Des Volks entfernen durch die Wachen Und forderte den Hofstaat auf, Ihn mit der Frau allein zu lassen; zurück blieb nur der Großvezier. "Du darfst", so sprach er dann zu ihr, "Nunmehr getrost ein Herz dir fassen. Was immer dein Begehren sei, Dir ist's vorweg, mein Wort zum Pfande, Vergeben. Also rede frei!"

Da lösten sich die Zungenbande Der Mutter. Ohne weitre Scheu Berichtete sie wahrheitstreu, Durch welch geheimes Abenteuer Sich seiner Tochter Aladdin, Ihr Sohn, genaht; wie heftig ihn Seitdem verzehre wildes Feuer; Wie redlich sie sich unterdessen Ihn abzukühlen angestrengt, Doch wie von Leidenschaft besessen Er sie zu diesem Gang gedrängt. Nur seiner Drohung, daß er sterbe, Wenn nicht um deren Hand sie werbe, Die doch fürwahr, mit ihm verglichen, Nicht minder unerreichbar fern Als an dem Firmament ein Stern, Sei schließlich zögernd sie gewichen.

Der Sultan, keineswegs empört Noch spöttisch, äußerte die Frage, Nachdem er ruhig zugehört, Was in dem Tuch verhüllt sie trage. Sogleich entnahm sie wunschgemäß Dem Bündel das Geschenk des Sohnes Und stellte vor den Fuß des Thrones Das vollbeladene Gefäß. Der Herrscher, von dem bunten Scheine Geblendet, wähnte sich im Traum Und traute seinen Augen kaum Beim Anblick all der Edelsteine, So groß und prächtig, wie noch keine Zeit seines Lebens er geschaut, Und in Betrachtung ganz versunken Saß er ein Weilchen ohne Laut. Dann aber rief er freudetrunken: "Wie schön! Wie köstlich! Wie vollendet!", Nahm jeden einzeln in die Hand Und sprach, zum Großvezier gewendet: "Sag', ob in meinem ganzen Land In allen Ländern dieser Erde Man je was gleich Vollkommnes fand?" Mit beifallspendender Gebärde Gab dies der Großvezier ihm zu, Worauf er fortfuhr: "Möchtest du Behaupten, daß ich einen Mann, Der solcherlei vermag zu schenken, Nicht, ohne lang' mich zu bedenken, zum Schwiegersohn erwählen kann?"

Der Großvezier war sehr betroffen Von diesem Wort. Seit Jahren schon Ließ nämlich ihn der Sultan hoffen, Er werde seinen eignen Sohn Mit der Prinzessin einst vermählen. Er sagte drum ins Ohr ihm leise: "Ja, Herr, ich kann es nicht verhehlen, Daß dies Geschenk von höchstem Preise Der Sultanstochter würdig ist; Doch gönne mir drei Monat Frist. Mein Sohn, den vormals du zum Gatten Ihr zu bestimmen hast beehrt, Stellt sicher dies Geschenk in Schatten Durch eins von doppelt reichem Wert."

Das schien dem Sultan eine Flause; Doch gab er seiner Bitte nach, Weil er sein Günstling war, und sprach Zur Mutter freundlich: "Geh' nach Hause Zu deinem Sohn und meld' ihm dies: Den Antrag, den er stellte, wies Ich nicht zurück; drei Monat sind Vonnöten aber, eh' zum Gatten Ich jemand gebe meinem Kind, Um sie geziemend auszustatten. Nach Ablauf dieser Zeit komm wieder."

Die Mutter ging nach Haus zurück, Und diesmal bebten ihre Glieder Nicht vor Verzagtheit, nein, vor Glück.