German poem
Aladdin und die Wunderlampe — 9 (Die Nachricht war gleich einem…)
by Ludwig Fulda (1862–1939)
Die Nachricht war gleich einem Blitze Gedrungen an der Pförtner Ohr, Eh' des Palastes offnem Tor Sich näherte des Zuges Spitze. Sie sahn den schmucken Vordermann Der achtzig Sklaven mit Verbeugung Für einen fremden König an Und wollten drum zur Ehrbezeugung Ihm küssen seines Kleides Saum. Doch der erwiderte: "Gebt Raum Und bückt euch lieber vor dem Rechten. Ich bin nur einer von den Knechten In unsres großen Herren Sold." So stieg der Zug hinan die Treppen; Die Schwarzen hatten arg zu schleppen An ihrer schweren Last von Gold, Und von den weißen angeleitet Betraten sie den lichten Saal Des Diwans. Längst schon vorbereitet Und überaus gespannt befahl Der Sultan, daß man ihnen Platz Gewähre. Kunstgerechterweise Vor ihm gereiht in halbem Kreise Beeilten sie sich, ihren Schatz Am Fuß des Thrones aufzustellen, Worauf nach wohlversehnem Amt Sowohl die Dunklen als die Hellen Sich niederwarfen insgesamt.
Die Mutter nahte nun dem Thron Und sprach mit vielen Huldigungen: "Hier sendet Aladdin, mein Sohn, Erhabner, was du dir bedungen. Er hofft, es werde dir gefallen Und der Prinzessin ebenfalls." Der Sultan, kaum ein Wort zu lallen Imstande, mit gerecktem Hals Und überzeugt, ihn wolle necken Ein Trug der Sinne, blickte bald Verwundert auf die vierzig Becken Mit ihrem funkelnden Gehalt Von größrem Wert als ganze Länder, Bald auf die fürstlichen Gewänder Der achtzig wohlgestalten Sklaven Und sagte laut zum Großvezier: "Fürwahr, der Himmel soll mich strafen Wenn ein Geschenk wie dieses hier Je Sultanstöchtern ward geboten!" "So ist es," stimmte jener bei, zumal er einsah, daß der Knoten Nicht anders mehr zu lösen sei. Wie hätte noch der Fürst sein Wort Zurückziehn können als Empfänger Von solchem beispiellosen Hort? Er fragte jetzt sogar nicht länger Nach des Bewerbers Rang und Stand Und allen andern Eigenschaften; Für jeden Vorzug konnt' als Pfand Sein ungeheurer Reichtum haften. "Geh'," sprach er drum in mildem Ton Zur Mutter, "meld' ihm, daß mit warmen Gefühlen ich und offnen Armen Ihn grüßen will als Schwiegersohn."
So waren jetzt nach hartem Ringen Die Schwierigkeiten weggeräumt; Sie selber durft' ihm Kunde bringen, Daß alles, was er sich erträumt, Was für unmöglich ihr gegolten, Was als Verrücktheit sie gescholten, Und was ihm ihre Zweifelsucht Verargt als frevelhaft verstiegen, Ihm jetzt als eine reife Frucht Bereit war in den Schoß zu fliegen.
Er aber, wenn auch überschwenglich Beglückt, ließ keine Zeit entfliehn, Um das zu tun, was unumgänglich Ihm zu des Werkes Krönung schien. Er hieß den Geist von neuem kommen Und sprach, als dieser schnell genaht: "Bereite mir sofort ein Bad Und bring', nachdem ich es genommen, Mir ein Gewand, so reich und prachtvoll, Wie sonst es nur ein König trägt." Er fühlte drauf alsbald sich machtvoll Erfaßt und durch die Luft bewegt. Ein schöner Raum, an allen Wänden Mit buntem Marmor ausgelegt, Empfing ihn; dort bedient, gepflegt Von zarten, unsichtbaren Händen, Nahm er das Bad in einer lauen, Von Wohlgeruch erfüllten Flut. Sodann, erquickt und ausgeruht, Konnt' er in einem Spiegel schauen, Daß er zu seinem Vorteil ganz Verwandelt, schöner war und schmucker. Statt des bisherigen Gewands, Das immer noch den armen Schlucker Verraten hatte, fand er Kleider, So prächtig, so mit Gold bestickt, Daß jeder Prinz und Fürst als Neider Nach ihnen hätte hingeblickt.
Sobald er fertig angezogen, Erschien der Geist auf seinen Wink, Und er gebot ihm: "Zeig' dich flink! Ich habe mittlerweil erwogen, Was mir noch fehlt. Ein edles Roß Verlang' ich, das an Schönheit alle Verdunkelt in des Sultans Stalle; Zu diesem ferner einen Troß Von Sklaven, jenen gleich zu achten An Kleiderprunk und Stattlichkeit, Die mein Geschenk dem Sultan brachten; Acht Sklavinnen dann zum Geleit Für meine Mutter, deren jede Ihr ein so köstliches Gewand Soll bringen, daß im ganzen Land Bald von nichts andrem mehr die Rede. Auch einen Beutel mit zehntausend Goldstücken brauch' ich noch. Nur schnell Ans Werk!"
Der Geist entschwebte sausend, Und alles war im Nu zur Stell'. Den Sklavinnen gab Aladdin Befehl, zur Mutter hinzueilen Und ihr ein Staatskleid anzuziehn. Das bare Gold ließ er verteilen An feine Sklaven, mit der Weisung, Sie sollten's auf der ganzen Länge Des Wegs mit voller Hand zur Speisung Der Armut werfen in die Menge. Er stieg zu Pferd und zog inmitten Des Trosses durch die Straßen hin. Selbst Kennern kam nicht in den Sinn, Daß er noch nie zuvor geritten, Weil mit dem feinsten Ebenmaß Und Anstand er im Sattel saß.
Vielköpfig, massig, nicht zu zählen, Lief wiederum das Volk herbei; Betäubend schwang aus allen Kehlen Sich Beifallruf und Jubelschrei, Besonders wenn, vom Sklaventroß Geschnellt, als ungewohnter Segen So rechts wie links ein Hagelregen Von goldnen Münzen sich ergoß. Wer war der Ritter hoch zu Roß? Bei Namen konnt' ihn niemand nennen, Nicht einmal einer unter zehn, Die noch vor kurzem ihn gesehn, Den alten Aladdin erkennen. Er, jüngst noch dürftig, unansehnlich, Sah nun sich selber nicht mehr ähnlich; Denn zu der Lampe Wunderkräften Gehörte die geheime Macht, Dem Glückspilz, den sie hoch gebracht, Auch äußern Adel anzuheften. So lag am Tage sonnenklar, Daß all der Pracht, womit er prunkte, Durch sein Verdienst er würdig war. Er wurde rasch zum Mittelpunkte Für jedes Auge; jauchzend hob Zum Himmel ihn des Volkes Lob Und gönnte gern ihm dieser Erde Vollkommenstes und reichstes Heil.
Bis zum Palasttor mittlerweil Gelangt, stieg artig er vom Pferde. Die Pförtner bildeten zwei Reihen Von Tor zu Tür, um dem Empfang Vermehrte Würde zu verleihen; Durch diese schritt er sacht entlang, Trat in den Saal und vor den Thron. Der Sultan, seiner harrend schon, War überrascht und höchst erbaut Sowohl von seiner Prachtentfaltung Wie seinem Wuchs und seiner Haltung, Schritt ihm entgegen, zog ihn traut, Ihm wehrend, auf die Knie zu sinken, An seine Vaterbrust und ließ, Indem er ihn willkommen hieß, Ihn sitzen dicht zu seiner Linken.
"Erlauchter Fürst," sprach Aladdin, "Ich danke dir, daß mein Erkühnen, Statt es durch harten Spruch zu sühnen, So nachsichtsvoll du mir verziehn. Ich wüßte nichts, was mich entschuldigt, Als daß mein Herz, von holdem Zwang Besiegt, in willenlosem Drang Der reizenden Prinzessin huldigt, Und daß die Liebe, die gewaltsam In meinem Innern flammt und loht, Nicht enden wird, bis unaufhaltsam Mein Leben selbst erlischt im Tod."
"Mein Freund," versetze halb im Scherz Der Sultan, "um durch dieses Feuer Heillos versengt zu sehn dein Herz, Halt' ich fortan dich viel zu teuer. Ist dies das Mittel, dich zu töten, So weiß ich, was dich heilen soll." Er gab ein Zeichen. Flugs erscholl Musik von Zimbeln und von Flöten. Er führte drauf ihn liebevoll Zum wunderbaren Nebensaal, Worin bereits auf goldnen Tellern War aufgetischt ein leckres Mahl, Das aus den kaiserlichen Kellern Versorgt war mit dem besten Wein. Der Sultan aß mit ihm allein; Der Großvezier und all die Herrn Von Rang und von Geblüt umkreisten Den vollbesetzen Tisch von fern Und mußten zusehn, wie sie speisten.