Versos German Ludwig Fulda Aladdin und die Wunderlampe — 7 (Wer könnte wohl in Worte…)

German poem

Aladdin und die Wunderlampe — 7 (Wer könnte wohl in Worte…)

by (1862–1939)

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Wer könnte wohl in Worte fassen, Wie selig unser junger Held, Nachdem die Mutter ihm bestellt, Was ihm der Sultan melden lassen! O Wonne, daß nach langem Dürsten, Nach vielen Nächten ohne Schlaf Die Botschaft aus dem Mund des Fürsten Sein kühnstes Hoffen übertraf! Er tanzte rund herum im Zimmer, Schwor in den feurigsten Ergüssen Der Mutter Dankbarkeit auf immer Und überhäufte sie mit Küssen. Drei volle Monat waren freilich Als vorgeschriebne Wartezeit Für seine Sehnsucht endlos weit. Es war darum gewiß verzeihlich, Daß ihn des Ziels Erwartung quälte Und er beständig nach der Uhr Nicht Wochen, Tage, Stunden nur, Vielmehr auch die Minuten zählte.— Zwei Monat waren abgelaufen, Als eines Morgens ahnungslos Die Mutter sich, um was zu kaufen, Zum Markt begab. Ein laut Getos' Der Fröhlichkeit scholl ihr entgegen, Als wär' ein Fest herangerückt; Mit Blumenkränzen allerwegen Ward eilig Haus für Haus geschmückt, Und Lämpchen wurden hundertfach Hinaufgereicht auf hohe Leitern Für Prachtbeleuchtung auf dem Dach. Die Straßen wimmelten von Reitern Auf edlen, reichgezierten Pferden, Und alt und jung war aufgeputzt. Die Mutter, ganz und gar verdutzt, Vermochte draus nicht klug zu werden. Sie fragte drum den ersten besten, Weshalb denn heute jedermann Sich rüste wie zu großen Festen. Der gab zur Antwort: "Schau mal an, Das weißt du nicht? Ei, das erzählt sich Ja doch die ganze Stadt erfreut; Dem Sohn des Großveziers vermählt sich Prinzessin Bedrulbudur heut."

Die Gute flog bestürzt nach Haus Und rief dem Sohn, der sich zur Stelle Befand, entgegen auf der Schwelle: "Ach, Ärmster, nun ist alles aus! Den Sultan hat sein Wort gereut; Denn im Palast ist Hochzeit heut. Dort wird mit feierlichem Prunke Der Sohn des Großveziers getraut, Und die Prinzessin ist die Braut."

Als ob des Blitzes jäher Funke Durchzucke seines Lebens Mark, Empfand sich Aladdin zerschmettert, Blieb standhaft aber doch und stark; Und als verzweifelnd er durchblättert Seite für Seite sein Gedächtnis Nach Mitteln gegen diese Pein, Fiel ihm des falschen Freunds Vermächtnis, Die Wunderlampe, wieder ein. Zur Mutter sprach er drauf entschieden: "Der Hochzeit setz' ich einen Damm! Laß schaun, wer heute mehr zufrieden, Ich oder dieser Bräutigam."

Er tat, was ihm bereits geläufig: In seine Kammer eingeschlossen Rieb er die Lampe, wie schon häufig, Und aus dem Boden aufgeschossen Erschien der Geist gleich einem Riesen, Ihn fragend: "Was ist dein Geheiß?" Drauf Aladdin: "Du hast mit Fleiß Mir öfters dienstbar dich erwiesen Bei Wünschen, die gering und nichtig. Das Werk jedoch, das ich dir nun Befehlen will für mich zu tun, Ist über alle Maßen wichtig. Du sollst mir meine Qualen lindern Und drum als unsichtbarer Gast Die Hochzeit, die heut im Palast Gefeiert werden soll, verhindern. Begib dich hin, vom Wind getragen, Ergreif' den Bräutigam beim Kragen, Entführ' in ein Versteck ihn, sperr' Dort fest ihn ein und laß verborgen Ihn schmachten bis zum nächsten Morgen." Der Geist versetzte fügsam: "Herr, Wie du befiehlst," und war verschwunden.

Am Hofe ward mit aller Kraft Inzwischen seit den frühsten Stunden Für die Vermählung vorgeschafft. Mit einem wahrhaft beispiellosen Und noch nicht dagewesnen Glanz War der Palast verwandelt ganz In einen duft'gen Hain voll Rosen. Die Tafel funkelte von Gold; Prunkteppiche von schwerster Seide Bedeckten sorgsam aufgerollt Zu wundersamer Augenweide Den Marmorboden und die Treppe, Und rings mit Perlenschmuck beschwert Wog der Prinzessin Hochzeitsschleppe Drei Fürstentümer auf an Wert.

Der ganze Hofstaat war beisammen Nebst Sendlingen aus aller Welt; Den angefachten Opferflammen Entstieg der Rauch zum Himmelszelt. Grad sollte die Vermählungsfeier Beginnen; Festmusik erscholl; Schon trat herein in ihrem Schleier Die Sultanstochter anmutsvoll An ihres hohen Vaters Arm, Und in der Würdenträger Schwarm Schritt ihr entgegen ihr Verlobter— Da plötzlich Nacht und wieder Licht; Der Geist erfüllte mit erprobter Vollendung seine Dienerpflicht. Man sah sich an, man sah sich um, Die Augen starr, die Mienen dumm: Was war geschehn? Der Bräutigam Stand nicht mehr dort, wo er gestanden Grad eben, sondern war abhanden, Wie fortgewischt von einem Schwamm. Man forschte, spähte; doch vergebens. Der Großvezier, der schon geglaubt, Er sei am Ziele seines Strebens, Schien vor Erregung sinnberaubt. Der Hofstaat mit betäubtem Hirne Begann zu tuscheln, dicht geschart; Der Sultan runzelte die Stirne Und brummte was in seinen Bart. Die Gäste ratlos und befangen, Verkrümelten sich allgemach, Und über der Prinzessin Wangen Herunter floß ein Tränenbach.

Die Feierstimmung war verraucht, Verwandelt alle Lust in Wehe. Denn da zum Abschluß einer Ehe Den Bräutigam man dringend braucht, So blieb am Ende keine Wahl, Als die Vermählung zu verschieben Samt Freudenfest und Hochzeitsmahl, Bis man ihn wieder aufgetrieben. Der Sultan flößte seiner Tochter Gar zärtlich Tröstung ein und Mut; Allein mit Mühe nur vermocht' er Zu stillen ihrer Augen Flut, Obwohl weit mehr verletzte Scham Und schwergekränkter Stolz die Quelle Der Tränen war als Herzensgram.

Am nächsten Morgen aber kam Der Großvezier in höchster Schnelle Zum Sultan, der halb ungeduldig, Halb mürrisch ihm entgegensah, Und rief: "Mein Sohn ist wieder da! Er ist, o glaub' mir, weder schuldig, Noch weiß er selbst, was ihm geschah. Gebiete drum, daß man die Feier Heut rüsten soll zum zweitenmal, Und gib dadurch zurück dem Freier, Was ihm ein Unstern gestern stahl." Hierzu, wenngleich das Fest verpfuscht Ihm vorkam, war der Fürst erbötig; Denn für sein Ansehn schien ihm nötig, Daß alles möglichst ward vertuscht. Die Hauptstadt wurde von Trompeten Und Pauken abermals durchlärmt, Das Hochzeitsessen aufgewärmt Und alle Gäste neu gebeten.

Als Aladdin, dem keine Spur Von sämtlichen Begebenheiten Entgangen war, davon erfuhr, Beschloß er, herzhaft fortzuschreiten Auf seinem Pfade bis zum Sieg. Den Geist beschwor er drum von neuem, Und als dem Boden er entstieg, Sprach er zu ihm: "Du hast mit treuem Gehorsam, was ich dir befohlen, Genau vollbracht. Dieselbe Not zwingt mich indessen, mein Gebot Von gestern dir zu wiederholen. Den Sohn des Großveziers entführe Heut abermals in gleicher Art, Und hinter fest verschlossner Türe Halt' ihn bis morgen früh verwahrt!"

Der Geist entfernte sich, die Tat Alsbald wie tags zuvor verrichtend; Nur diesmal in noch stärkrem Grad Als gestern wirkte sie vernichtend. Im feierlichsten Augenblick Verschwand urplötzlich aus dem Saale Durch ein unfaßliches Geschick Der Bräutigam zum zweiten Male. Vom ganzen Hof und hohen Adel Ward er gesucht wie eine Nadel. In alle Winkel ward geguckt, Gestöbert ward in allen Ecken; Er war so wenig zu entdecken, Als ob der Boden ihn geschluckt. Hiermit begann ein Trauerspiel: Prinzessin Bedrulbudur raufte Die schönen Haare sich und fiel Bewußtlos hin; der Sultan schnaufte Vor Ingrimm wie ein wildes Tier; Der unglückselige Großvezier Wand sich in Krämpfen wie ein Wurm, Die Augen rollend rings im Kreise; Die Gäste flohen gruppenweise, Wie eine Herde vor dem Sturm, Und seufzend sprach der Oberkoch In tiefem, hoffnungslosem Härmen Zum Küchenjungen: "Einmal noch Kann ich den Hochzeitsschmaus nicht wärmen."